Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf zeigt „Hinter dem Vorhang“

Verhüllt, weil entmachtet: Tizians Porträt des Mailänder Erzbischofs Filippo Archinto kam aus Philadelphia in die Düsseldorfer Ausstellung „Hinter dem Vorhang“. - Fotos: Museum

DÜSSELDORF - Tizians Bildnis des Erzbischofs von Mailand, Filippo Archinto, ist in der Kunstgeschichte einzigartig. Auf dem Gemälde von 1558 verhüllt ein durchscheinender Vorhang den Porträtierten zur Hälfte. Das führt die Idee eines Porträts ad absurdum. Und die raffiniert gemalte Stoffbahn, deren Falten sich genau vor dem Gesicht Archintos verdichten, bekommt eine Hauptrolle in dem Kunstwerk.

Mit dem Kunstgriff zeigte Tizian die politische Situation: Der Bischof war rechtmäßig vom Papst ernannt. Aber der Mailänder Adel boykottierte ihn, so dass er sein Amt nicht antreten konnte. Dieses Bild entzündete in Beat Wismer die Idee der Ausstellung „Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance“. Von heute an ist die opulente Themenschau nun im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu sehen. Ein enzyklopädischer Bilderstreifzug verfolgt ein Motiv durch die Kunstgeschichte von Marien-Altären aus dem 15. Jahrhundert bis zu Arbeiten des Verhüllungskünstlers Christo. Wismer verlässt das Museum. Für seine Abschiedsarbeit lässt der Direktor es noch einmal richtig krachen: Unter den rund 200 Exponaten sind Meisterwerke aus den großen Sammlungen der Welt. Der Tizian kam aus dem Philadelphia Museum of Art, weitere Leihgeber sind das Getty Museum Los Angeles, das Museum of Modern Art in New York, die Tate Britain in London, der Prado in Madrid. Denn, sagt Wismer, wenn man Kunstwerke ausstellt, für die das Thema Täuschung zentral ist, genügt nur höchste Qualität.

Ein gemalter Vorhang spielt die Hauptrolle in einem Gründungsmythos der Kunst, der von Plinius überlieferten Legende um die griechischen Maler Zeuxis und Parrhasios. Zeuxis malte Trauben so täuschend, dass Vögel an ihnen pickten. Parrhasios wiederum lud Zeuxis ein, sein neuestes Werk zu betrachten. Als Zeuxis den Vorhang lüften wollte, stellte sich heraus, dass der gemalt war. Kein Wunder, dass besonders zur Barockzeit ein gemalter Vorhang auf das Selbstporträt eines Malers gehörte, der auf sich hielt. Ferdinand Bol (um 1647) schiebt den Stoff mit der Linken zur Seite, Jean-Étienne Liotard (um 1770) zeigt mit dem Finger lächelnd scheinbar ins Leere, tatsächlich aber auf den Vorhang. Bis in die Moderne treibt das Thema Künstler um. Gerhard Richter nennt 1967 sein zwei Meter hohes Werk, bei dem eigentlich die Leinwand nur mit vertikalen grauen Streifen überzogen ist, „Großer Vorhang“. Und Hans-Peter Feldmann treibt seinen Schabernack mit dem Mythos, indem er einen „Vorhang Rot“ zeigt: statt eines mühsam gefertigten Abbildes das Ding an sich.

Der Vorhang, das enthüllt die Ausstellung gründlich, dient nicht nur dazu, die Virtuosität des Malers zu beweisen. Oder des Bildhauers: Man sehe nur die verhüllten Frauenköpfe von Carmona (1752/3) und Corradini (um 1720), die im Stein mit atemberaubendem Naturalismus feinsten Stoff imaginieren. Vorhang und Verhüllung dienten aber auch dazu, das Bild im Raum zu positionieren. Bei Jan van Rossums Blumenstillleben (1671) weckt der Vorhang die Illusion, man blicke in eine Wandnische. Auf einer Darstellung der Heiligen Jungfrau mit Kind und Engeln (Ferraneser Schule, spätes 15. Jh.) sieht man einen gemalten Rahmen mit Resten eines aufgenagelten Papiers. Der Maler gab dem Bild mit der gemalten, vermeintlich aufgeschnittenen Verhüllung den Charakter eines kostbaren Fundstückes.

Es war üblich, Kunstwerke unter einem Vorhang zu verstecken. Ein Schutz und Zeichen von Wertschätzung. Man sieht das auf einem anonymen Porträt (Anfang 17. Jh.), wo ein Mann den Vorhang vor einem Frauenporträt beiseiteschiebt.

Der Vorhang diente auch dramaturgischen Zwecken in der Bilderzählung. So schirmen Engel in den Madonnendarstellungen von Holbein (um 1520) und Cranach (1515-20) Mutter und Kind von der Welt ab. Verhüllen spielt auch in der Erotik eine große Rolle: In van Dycks Gemälde (um 1617/18) greift Jupiter als Satyr nach dem Stoffzipfel, der die Scham der schlafenden Antiope bedeckt. Jean-Baptiste Deshays’ Bild einer schlafenden Frau (1756/59) macht den Betrachter zum Voyeur, gerade weil er den Körper bis auf eine entblößte Brust unter einem dünnen Hemd verbirgt. Eugène Delacroix zeigt eine infame Geschichte: Der Duc d’Orleans zeigt seine Geliebte deren Ehemann, indem er ihren Unterleib entblößt, das aber vor ihr Gesicht hebt, so dass der Betrogene sie nicht erkennt.

Und auch bei Gewaltdarstellungen darf der Vorhang nicht fehlen, zum Beispiel in der Darstellung von Judith, die den Tyrann Holofernes enthauptet, zu sehen in Darstellungen von Adam Elsheimer (um 1601/3) bis Cindy Sherman (1990). Die iranische Künstlerin Shirin Neshat zeigt eine verschleierte Frau mit einem Revolver vor dem Gesicht („Faceless“, 1994) und spielt mit Ängsten. Aber auf wen zielt die Frau?

Es gibt so viel zu entdecken in dieser prachtvollen Schule des Sehens, Gemälde des amerikanischen Malers Raphaelle Peale, der mit einem großen Tuch die aus dem Meer steigende Venus verhüllt (um 1822), das aufregende Bild Arthur Kaufmanns (1924) mit den gelangweilten Fensterguckerinnen vor einem Frauenakt hinter Gardine, oder das große abstrakte Schüttbild von Morris Louis (1959), das hier zum Vorhang mutiert. Und die wunderbaren Arbeiten von Christo, eine Ladenfassade mit verhängten Fenstern (1964) und ein VW-Käfer (1963). Christo kommt übrigens am 3. November nach Düsseldorf und hält einen Vortrag über das Verhüllen.

Bis 22.1.2017, di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0211 / 566 42 160, www.smkp.de; Katalog, Hirmer Verlag, München, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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