Das Museum Kurhaus in Kleve erinnert an Govert Flinck

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Das virtuose Selbstporträt malte Govert Flinck 1643.

KLEVE - Das Selbstporträt von 1643 zeigt, warum man so viele Bilder von Govert Flinck einst für Werke seines Lehrers Rembrandt hielt. Der Pinsel zaubert da aus fetten weißen Strichen einen fein gerafften weißen Kragen, mit zarten hellen Tupfen glitzert eine gestickte Goldborte, und mit breitem Hin-und-Her bringt er einen schweren Pelz auf die Leinwand. im einen Moment glaubt man, diese täuschend echt gemalte Kleidung berühren zu können. Dann sieht man näher hin und entdeckt: Alles nur Farbe, und die Pinselspuren sind nicht mal kaschiert.

Der Mann hat die Illusionskunst meisterlich beherrscht. Und auch der sachliche, etwas introvertierte Blick, der rosige Teint, der unverstellte Blick aufs leichte Doppelkinn zeugt vom Können dieses Malers. Zu sehen ist das Bild, eine Leihgabe aus der Leiden Collection in New York, im Museum Kurhaus in Kleve. Dort wurde Govert Flinck (1615–1660) vor 400 Jahren geboren, dort wurde vor 50 Jahren die letzte Einzelausstellung zum Werk des Künstlers ausgerichtet. Nun folgt zum runden Geburtstag die Ausstellung „Govert Flinck – Reflecting History“, die mit rund 30 Gemälden und ebenso vielen Arbeiten auf Papier einen guten Eindruck vom breit gespannten Schaffen des Künstlers vermittelt.

Flincks Vater, ein Textilkaufmann, wollte zunächst nicht, dass sein Sohn Künstler wurde. Erst ein Prediger am Ort, der selbst malte, stimmte ihn um. Von 1634 an ging Flinck, der inzwischen in den Niederlanden lebte, in die Lehre bei Rembrandt. Bald traf er den Stil des Meisters so gut, dass seine Bilder als dessen Werke verkauft wurden. Er wurde zu einem der gefragtesten Porträtisten Amsterdams – und zu einem Konkurrenten.

Dabei wurde er sogar berühmter als sein Lehrmeister. Das lag daran, dass er sich mehr auf die Wünsche seiner Kunden einließ. Er erhielt zahlreiche prestigeträchtige Aufträge, von Adligen wie Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg und seinem Statthalter in Kleve, Johann Moritz von Nassau-Siegen. Aber auch von Bürgern. Von den sieben Gruppenporträts, die die Amsterdamer Kloveniers-Schützengilde bestellte, schuf Rembrandt eins, freilich das heute berühmteste, die „Nachtwache“ (eigentlich die Kompanie des Hauptmanns Frans Banninck Cocq, 1642). Flinck malte zwei dieser wandfüllenden Monumentalbilder. Diese Werke sind heute kaum noch transportabel, darum ist davon in der Klever Schau auch kein Beispiel zu sehen. Immerhin aber gibt es eine einen Meter breite Entwurfsfassung des Schützenstücks der Kompanie von Kapitän Johan Huydecoper (ca. 1648-50). Schon in dieser Skizze, deren Komposition im ausgeführten Gemälde noch geändert wurde, sieht man das Prinzip. Jeder Schütze sollte lebensgroß und realistisch abgebildet sein.

Auch andere Themen bearbeitete Flinck in monumentalem Format. So schuf er 1658 für das Amsterdamer Rathaus „Salomos Gebet um Weisheit“ – eine schöne Mahnung an die Politiker. Das 465 mal 450 cm messende Original ist auch nicht in Kleve, aber doch ein detailliert ausgeführter Entwurf, der ein Viertel davon misst.

Im Zentrum der Schau stehen die vorzüglichen Porträts. Die würdigen Kaufleute, zum Teil mit Mühlstein-Krägen aus gefältelter Spitze, verweisen noch auf die Rembrandt-Schule. Besonders spannend ist das Bildnis des Amsterdamer Brauers Gerard Hulft, der politisch Karriere machte. Flinck umgibt die Büste Hulfts mit Attributen, die ihn als erfolgreichen Unternehmer, Seefahrer, Forscher kennzeichnen, mit Geschäftsbüchern, nautischen Instrumenten, Briefen. Eine raffinierte Bild-im-Bild-Komposition.

Vom Reichtum Amsterdams zeugt das Porträt eines ungefähr dreijährigen Mädchens, das Flinck um 1640 schuf. Es trägt ein weites weißes Kleid, um den Hals eine dreifache Goldkette. Und die – ebenfalls goldene – Rassel ist mit Diamanten besetzt. Der Künstler malte eben für die Oberschicht.

Und er passte sich dem wandelnden Geschmack an – anders als Rembrandt, der konsequent am eigenen Stil festhielt, was dem Umsatz damals nicht zuträglich war. Flinck hellte ab 1650 seine Bilder auf, porträtierte zum Beispiel junge Damen in Blumengärten, statt vor undefinierten dunklen Hintergründen. Noch immer behandelte der Maler die Stoffe oder auch die Lockenpracht der jungen Dame im purpurfarbenen Kleid (1658) mit illusionistischer Präzision. Aber das Bild hat eine viel freundlichere, gefälligere Anmutung als die strengen Porträts der früheren Jahrzehnte.

Die Schau zeichnet den Wandel gut nach, präsentiert auch etliche Zeichnungen von und Radierungen nach Flinck und zeigt zwei Bilder, die einst als Flincks gekauft wurden, aber von einem anderen Maler stammen müssen. Und wenn man heute auch weiß, dass Rembrandt genialer war, so lohnen die Meisterwerke seines Schülers doch allemal einen gründlichen zweiten Blick.

Bis 17.1., di – so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02821/ 750 117,

www.museumkurhaus.de

Katalog 29,50 Euro

Quelle: wa.de

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