Museum Ludwig feiert Geburtstag mit Schau „Wir nennen es Ludwig“

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Die Bilder auf „Bakunins Barrikade“ von Ahmet Ögüt stammen aus der Sammlung des Museums Ludwig, vorn rechts ist Oskar Kokoschkas „Ansicht von Köln“ zu sehen, in der Mitte Andy Warhols Porträt von Peter Ludwig.

KÖLN - Den Straßenkampf holt der türkische Künstler Ahmet Ögüt in das Museum Ludwig. Aus zwei umgestürzten Autos, Steinen, Drahtgittern, Reifen errichtete er „Bakunins Barrikade“. Der Besucher darf sich unwohl fühlen. Dieses Hindernis im Eingangsbereich muss er erst einmal überwinden, um in die Ausstellung „Wir nennen es Ludwig. Das Museum wird 40!“ zu gelangen.

Ögüt bezieht sich auf die sogenannten Maiaufstände von 1849 in Dresden. Damals sollte der König entmachtet werden. Und der Revolutionär Michail Bakunin schlug vor, Gemälde aus den Dresdner Kunstsammlungen an den Barrikaden anzubringen. Die Kunst als Schutzschild der Revolution. In der Kölner Ausstellung werden natürlich Meisterwerke aus der Sammlung Ludwig verwendet. Dabei entwickelt die Installation eine hübsche Mehrdeutigkeit, wenn der Sammler Peter Ludwig im Porträt von Andy Warhol sozusagen auf die Barrikade geht.

Vielleicht war Ludwig (1925–1996) auch ein Revolutionär. Jedenfalls sorgte der Schokoladenfabrikant und studierte Kunsthistoriker mit sanftem Zwang dafür, dass die Stadt Köln heute ein Museum für moderne Kunst mit internationaler Strahlkraft hat. Er und seine Frau Irene machten ein Angebot, das man nicht ausschlagen konnte: 350 Kunstwerke, vor allem der Pop-Art, schenkte er der Stadt. Dafür musste die Kommune ein Museum gründen, das Museum Ludwig. Soviel Eitelkeit musste sein. Dauerleihgaben kamen hinzu, später weitere Schenkungen zum Beispiel aus dem Bereich der russischen Avantgarde und die drittgrößte Picasso-Sammlung weltweit. Vor 40 Jahren wurden die Verträge unterzeichnet, zehn Jahre später wurde ein Neubau am Dom eröffnet.

Als Höhepunkt des Festprogramms sieht Museumsdirektor Yilmaz Dziewior die aktuelle Schau. 25 Künstler und Künstlergruppen wurden gebeten, sich in neuen Arbeiten mit dem Haus und der Sammlung auseinander zu setzen. Und es soll ein Publikumsmagnet sein, mit prominenten Teilnehmern wie dem Pop-Künstler Claes Oldenburg, der sein „Maus Museum“ beisteuert. Der chinesische Künstler Ai Weiwei zeigt seine Fahrradskulptur „Forever“ (2003/2016), die sich auf Marcel Duchamps berühmtes Ready-Made „Roue de Bicyclette“ (1913) in der Sammlung des Hauses bezieht. Videomonitore verbinden beide Arbeiten. Ein ganzer Raum zeigt Arbeiten des Malers Gerhard Richter, ein globaler Spieler der internationalen Kunstszene, der in Köln lebt und die Stadt prägt, zum Beispiel auch mit seinen Fenstern im Dom. Und der afrikanische Künstler und documenta-Teilnehmer Georges Adéagbo führt in mehreren ausgreifenden Inszenierungen aus Kunst, Büchern und Fundsachen einen Dialog zum Beispiel mit den Skulpturen Hermann Scherers in dem Saal mit expressionistischer Kunst.

Ögüts Arbeit zeigt bereits, dass kein glatter Gefälligkeitsparcour angestrebt war. Gleich mehrere Arbeiten setzen sich kritisch mit der Gründerfigur auseinander. Am explizitesten macht das vielleicht Hans Haacke in seiner Arbeit „Der Pralinenmeister“, einer Folge von urkundenartig gestalteten Collagen, die sich mit den Arbeitsbedingungen in Ludwigs Betrieben, mit den Steuervorteilen durch Dauerleihgaben an Museen und der Einflussnahme auf die Politik thematisiert. Die Arbeit von 1981 aus einer US-Privatsammlung war seit Jahren nicht mehr in Deutschland zu sehen.

Auch das feministische US-Kollektiv Guerrilla Girls zielt mit einer Arbeit an der Fassade des Hauses in diese Richtung und zählt die Vorteile auf, „ein eigenes Kunstmuseum zu besitzen“. Im Museum stellen sie mit witzig-provokativen Texttafeln den männlich dominierten Kunstbetrieb in Frage: „Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?“ Marcel Odenbach drehte sein Video „Ein Bild vom Bild machen“ im Wohnhaus der Ludwigs – samt dem Ausblick in den Garten auf eine Monumentalskulptur von Arno Breker, einem der führenden Bildhauer im NS-Staat. Ein Dienstmädchen zieht den Vorhang vor, die Geschmacksentgleisung des Sammlers wird diskret kaschiert.

Die Ausstellung blickt aber nicht nur kritisch zurück. Sie bietet auch Ausblicke auf die mögliche Entwicklung des Hauses. Schon die Ludwigs richteten ihren Blick auf Regionen, die der auf Europa und die USA fixierte Kunstmarkt nicht berücksichtigte. Kein Wunder also, dass ein erheblicher Teil der beteiligten Künstler aus Afrika, Lateinamerika und Asien stammt. Bodys Isek Kingelez aus der Demokratischen Republik Kongo baute 2001 ein Modell der Stadt Köln, wie sie im dritten Jahrtausend aussehen könnte, ohne Dom, aber mit einem Kingelez-Museum.

Die mexikanische Künstlerin Minerva Cuevas gründete die „International Understanding Foundation“, ein Echo auf die Ludwig Stiftung. Als Bühne dafür schuf sie einen Kunstraum, der ein Gemälde von Mondrian aus der Museumssammlung in eine Gitterstruktur übersetzt. Dort sieht man weitere Artefakte – und hört die Hymne ihrer Stiftung.

Und das rumänische Künstlerduo Alexandra Pirici und Manuel Pelmus lässt drei Darsteller Live-Performances aufführen, szenische Umsetzungen von Gemälden von Max Beckmann und Max Ernst.

Nicht alles in dieser Schau überzeugt gleichermaßen. Aber der Wille zu Reflexion und Perspektive wird doch deutlich.

Eröffnung heute, 19 Uhr, bis 8.1.2017, di - so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0221 / 221 261 65, www.museum-ludwig.de,

Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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