„Nacht der Industriekultur“ an 48 Spielorten

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Die Retrofuturisten: Anhänger des Steampunk waren auf der Zeche Hannover in Bochum zu sehen.

RUHRGEBIET - Hinter der farbig beleuchteten Zeche Hannover stehen weiße Zelte, laufen überall wunderliche Gestalten herum. Aufgerüschte Damen und Herrn in edlen Kleidern wie aus der viktorianischen Zeit, aber irgendwas stimmt da doch nicht. Wieso hat dieser Mann eine Art altertümliche Pilotenbrille auf dem Zylinder stecken, und auf seiner Schulter thront ein metallener Falke mit rotglühenden Augen und Stachelhalsband? Die Damen tragen Zahnräder am Hals, dazu Rüschen und schnörkelige Bustiers, wie Madonna sie erfunden haben könnte. Ringsum antike technische Gerätschaften, deren Funktion ein Rätsel bleibt. Plötzlich laufen drei stelzbeinige Wesen mit riesigen Flügeln wie Lilienthal’sche Flugmaschinen zu sphärischen Klängen vorbei, und oben am Fenster der Maschinenhalle erscheinen faszinierte Kindergesichter.

Steampunk heißt die Bewegung, die auslotet, wie technischer Fortschritt zu Zeiten der Dampfmaschine aussehen hätte können. Diesem Retrofuturismus verschrieben haben sich auch die Leute vom Dampfzirkus Papenburg, die ihr Camp hinter dem historischen Gebäude aufgeschlagen haben. Im echten Leben sind sie ganz normale Bürger in ganz normalen Jobs. Sie leben hier ein Hobby, das immer mehr Anhänger findet. „Als wir 2014 das Thema Steampunk erstmals aufgriffen, gab es noch kritische Einträge im Gästebuch“, erinnert sich Dietmar Osses, Direktor des Bochumer LWL-Museums. Dabei passt es so gut zu den Exponaten der Industriegeschichte hier, etwa der riesigen Fördermaschine, die mit ihrem Stampfen das ganze Gebäude erfüllt und aussieht, als könnten die Steampunks sie erfunden haben. Mittlerweile hat die Szene mächtig viele Fans, und das merkt man heute.

„Wir haben absolute Superzahlen und hatten von Anfang an viel Betrieb“, sagt Osses und schreibt das der Kombination aus attraktivem Programm und der verkehrsgünstigen Lage seines Museums zu. Dass es den ganzen Tag über in Strömen geregnet hat, bekam man hier nicht zu spüren. Trotzdem hat auch er sich mit seinem Team gefreut, als nach 20 Uhr endlich die Sonne herauskam.

Der Auftakt zur Extraschicht 2016 war kein leichter. Viele, die noch kein Ticket hatten, sind vorsorglich zu Hause geblieben. Manches muss ausfallen, anderes kann von draußen nach drinnen verlegt werden. Trotzdem brummt der Betrieb allerorten, ist in der 16. Nacht der Industriekultur wieder das halbe Ruhrgebiet auf den Beinen: 20 Städte, 48 Spielorte und 2000 Künstlerinnen und Künstler machen es zur riesigen Bühne, auf der man mit einem einzigen Ticket per Shuttlebus von Event zu Event fahren kann. Freilich, das dauert. Und mancher schafft auch nur einen Spielort in dieser Nacht – vor allem die, die sich erst nach dem Regen aufgemacht haben. Insgesamt kamen 200 000 Besucher, wie der Ruhr Tourismus gestern bilanzierte.

Mit seinen Projektionen ist „U“-Performer Adolf Winkelmann sonst ja recht pingelig: Gezeigt wird, was der Meister erlaubt. An diesem Abend grüßt die Bilderwand unter dem Wahrzeichen der zum High-Tech-Spielort umgebauten Brauerei aus luftigen 70 Metern Höhe mit einem flammenden Clip zur „Extraschicht 2016“. Unten geht heute alles ums Essen: Unter dem Titel „Foodlab“ wird das U zum Ernährungslabor. Draußen zeigen bepflanzte Paletten, wie dekorativ und lecker Urban Gardening sein kann, und bei Insektenkoch Frank Ochmann, der auch schon das Dschungelcamp verköstigt hat, gibt es für einen Euro ein Schälchen Mehlwürmer & Co., mit Ingwer, Limette, Chili und Kräutern. „Nicht schlecht“, urteilen die, die es probiert haben.

Im Foyer erfährt man, was Aquaponik ist – und ja, die Ergebnisse kann man essen, nämlich Fische und Pflanzen. Das Kino zeigt „Food-Hacking“-Clips, das im U ansässige Osthaus-Museum und der Hardware Medien Kunstverein haben eigens Kurzführungen durch ihre Ausstellungen konzipiert und bieten Mitmach-Aktionen zu Herstellung essbarer Kunst an – etwa Ketten mit Brot-Anhänger oder lecker-eklige Ansteckbuttons aus Lebensmitteln, bei denen der Verfallsprozess zur Kunst gehört.

Mancher zieht den Verzehr der handgemachten Edel-Burger von Food Brother aus der Brückstraße vor – die gibt es für eine Nacht auch im „View“ in der siebten Etage, frisch gegrillt auf der Dachterrasse mit Skyline-Blick und zu HipHop-Klängen von Das Bo&DJ Plazebo.

Ein Stück weiter am Ring haben sich neben der Stadionwurst-Bude lange Besucherschlangen gebildet: Zum ersten Mal ist das Deutsche Fußballmuseum mit von der Partie. Auch hier schleust man die Neugierigen gruppenweise in speziell aufgelegten Kurzführungen – Schwerpunkt Ruhrgebiets-Vereine – durch das im Oktober eröffnete Haus. „Viele Besucher kommen ohnehin mehrmals“, sagt Mitarbeiterin Nina Kliemke, „Wir haben allein 25 Stunden Filmmaterial und so viele Exponate, dass wir selbst manchmal erst überlegen müssen, wenn jemand nach etwas Speziellem fragt.“

Erstmals dabei ist das riesige Werksgelände von Thyssenkrupp in Duisburg, was für immensen Andrang sorgt: Drei Stunden Wartezeit für die „Erlebnistour Stahl“ per Bus melden Besucher, aber wer die in Kauf nimmt, ist schwer beeindruckt. Wer alternativ und mit zwei Stunden Wartezeit die Thyssenkrupp-Tour vom Landschaftspark aus im historischen Zug absolviert, bekommt diese zwar nicht kommentiert, es bleibt aber sehr beeindruckend. Das nächtliche Feuerwerk am Hochofen entschädigt für vieles.

Die bunt beleuchtete Zeche Nachtigall in Witten grüßt schon von weither mit Rock’n’Roll-Klängen. Auch nachts um halb zwei noch. In der „Wiege des Ruhrbergbaus“ drehte sich heute alles um die Fünfziger. Nun dreht sich auf der verwaisten Tanzfläche nur noch ein einsames Pärchen mit Petticoat und Pomadenhaar, die Band „Lee & The Rhythm Rockets“ kündigt die letzte Tanzrunde an, und auch das 60 Jahre alte Karussell kommt gerade zum Stehen. Zwischendurch ging es rund mit Crashkursen im Rockabilly-Jive, zu denen viele ganz stilecht gekleidet kamen. Neben der Zweirad-Ausstellung mit Vespa & Co. waren Kurzfilme aus der Nachkriegszeit zu sehen. „Das hat Spaß gemacht heute“, sagt der Shuttlebus-Fahrer auf der letzten Tour zurück zum Parkplatz. „Aber kommen Sie ruhig noch ein andermal vorbei. Bei uns gibt es immer etwas zu erleben.“

Carmen Möller-Sendler

Quelle: wa.de

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