Paul McCartney spielt in Düsseldorf

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Fit und gut gelaunt in Düsseldorf: Ex-Beatle Paul McCartney.

DÜSSELDORF - Es erklingt der berühmte Akkord auf der Zwölfsaiter, und die 27 359 Besucher in der ausverkauften Esprit-Arena sind aus dem Häuschen: Mit „A hard day’s night“ startet Sir Paul McCartney, im roten Blazer und weißem Hemd am berühmten Linkshänder-Bass von Höfner, in den Abend. Fast 40 Songs werden auf dem Programm stehen, und man fragt sich, wie ein Mann, der im Juni 74 Jahre alt wird, dieses gewaltige Pensum absolvieren kann.

Aber Macca, wie er in Großbritannien genannt wird, hüpft in Düsseldorf eher wie ein Enddreißiger über die Bühne, wechselt zwischen Bass, Gitarre und Klavier. Von einer Abschiedstour kann nicht die Rede sein. Bei hohen Passagen krächzt seine Stimme manchmal ein wenig, aber das sei einem Mann im achten Lebensjahrzehnt verziehen. Der Multiinstrumentalist, der bei den Beatles auch schon mal Ringo Starr am Schlagzeug ersetzte, frönt gut gelaunt seinem Spieltrieb. Pathos und Theatralik, wie von jüngeren Rockstars gerne in Anspruch genommen, sind ihm eher fremd. Songs, die an seine verstorbenen Bandkollegen John Lennon und George Harrison erinnern, haben das Potenzial zur tränenreichen Erinnerung. Nicht so bei Paul, der das Lennon gewidmete „Here today“ zwar konzentriert, aber gelassen intoniert. „Something“ beginnt er auf Harrisons Lieblingsinstrument, der Ukulele, bevor die Band einsteigt. Aus der vor allem einer hervorsticht: Schlagzeuger Abe Laboriel jr. ruht wie ein Buddha auf seinem Podest. Der bullig wirkende Musiker sorgt für einen ebenso diffizilen wie präzisen Beat, den er leichthändig mit Tambourin und durchlaufender Hi-Hat ergänzt.

Selbst die musikalisch komplexen Titel aus der Spätphase der Beatles, die damals gar nicht mehr live auftraten, werden gekonnt gespielt. Ein Song des Programms datiert aus dem Jahre 1958: Die Quarrymen, Vorläufer der Beatles, spielten damals blutjung ihre erste Single ein. Die erste Hälfte des Konzerts ist mit erstaunlich vielen Songs aus der Wings-Ära durchsetzt: „Letting go“, „Let me roll it“ oder „Maybe I’m amazed“ haben kompositorisch sicherlich nicht die Kraft der Beatles-Ära. Dennoch kann McCartney auch aus der Zeit danach, die schon bald 50 Jahre umfasst, einige Perlen zutage fördern. So die mit Pyro-Effekten dargebotene Hymne „Live or let die“ aus dem gleichnamigen James-Bond-Film.

Gut fügen sich aktuelle Songs wie „New“ ein. Auf seinem letzten Studioalbum besinnt sich McCartney alter Beatles-Tugenden und knüpft mit britischer Ironie an typische Harmonien und Bassläufe der Fab Four an. Bei einem brandaktuellen Titel, dem mit Rihanna und Kanye West eingespielten „FourFiveSeconds“ aus dem letzten Jahr, darf das Publikum in Karaoke-Manier mitsingen, die Songtexte werden dafür an die Wand projiziert. In der gewaltigen Arena wird die an einer Längsseite befindliche Bühne von zwei Litfass-artigen Säulen gerahmt, die für unterschiedliche Projektionen genutzt werden. Weniger wäre manchmal mehr, dürfte sich der ein oder andere Zuschauer gedacht haben. Bei „Blackbird“ droht die vom Mond beschienene Nacht mit flatternden Vögel in den Edelkitsch zu kippen. Auch der mitunter bedrohlich anschwellende Lautstärkepegel mag nicht jedermanns Sache sein. Sanft instrumentierte Songs wie „Yesterday“, Pauls erfolgreichster Hit, sorgen dann für kurzzeitige Erholung der strapazierten Hör-Nerven. Konzerte in Deutschland sind für McCartney immer auch wieder ein gelungener Anlass, ein bisschen Deutsch zu praktizieren. Nicht erst in der Zeit auf der Reeperbahn lernte er die Sprache, bereits in der Schule wurde er damit traktiert. „Wir müssen Abschied nehmen“, sagt er nach über zwei Stunden fast akzentfrei und mit viel Charme in der nun rauchig klingenden Stimme seinen deutschen Fans, bevor er das Finale einläutet: „Golden slumbers“, „Carry that weight“ und „The end“, die finalen Songs auf dem Album „Abbey Road“, schließen ein Konzert mit fast 60 Jahren Musikgeschichte ab.

Dirk Frank

Quelle: wa.de

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