Das Piano Project von Hiromi beim Klavierfestival

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Ihr macht die Arbeit Spaß: Die japanische Pianistin Hiromi beim Klavierfestival Ruhr in Hattingen.

HATTINGEN - Leise kann Hiromi nicht. Bei der japanischen Pianistin muss es krachen. Und genau damit begeistert sie beim Klavierfestival Ruhr den ausverkauften Saal in der Henrichshütte in Hattingen. Ein Abend mit Turbo-Jazzrock, laut, schnell, virtuos. Sie spielte, als würde sie für jede Note einzeln bezahlt und bräuchte dringend eine Million für die Herzoperation ihrer Mutter. Mancher Fan im Saal schüttelte halb bewundernd, halb ungläubig den Kopf, wenn Hiromi mal wieder eins dieser rasend schnellen Staccati in die Tasten schlug oder durch einen dieser ausladenden Melodiebögen sprintete.

Genau das hatte Festival-Intendant Franz Xaver Ohnesorg in der Ansage versprochen: einen Abend, den man so schnell nicht vergisst. Hiromi Uehara, 1979 geboren, durfte schon mit zarten 17 Jahren dem Starpianisten Chick Corea vorspielen. Später nahm er ein Duo-Album mit ihr auf. Corea hatte Hiromi, die nur unter ihrem Vornamen auftritt, für das Festival empfohlen. Seit 2010 betreibt sie ihr „Trio Project“ mit Anthony Jackson an der Kontrabassgitarre und Simon Phillips, ein Studio-Crack, der lange bei Toto spielte, aber auch für Mike Oldfield und Mick Jagger, an den Drums. Vor kurzem erschien ihr viertes Album mit der Band, „Spark“, mit dessen Material sie den Abend bestritt.

Es ist schon eine Wucht, diese Musikerin zu sehen. Eine zierliche Frau im schwarz-weiß gestreiften Kleid, mit dieser Frisur, als wären die Haare explodiert. Man nimmt ihr sofort ab, dass sie mit Freude dabei ist. Diese Musikathletin strahlt über jedes Kunststück, das sie da vorführt, als wäre es nichts. Tempo, Wucht, Drama beherrscht sie aus dem FF. Dann beugt sie sich über die Tasten, fährt die Finger zu Klauen aus, die ins Instrument hacken, als wäre hier ein Automat am Werk. Immer wieder springt sie auf, um geradezu auf das Piano zu springen. Sie tanzt zwischen Hocker und Klavier. Manchmal haut sie mit geballten Fäusten zu, wilde Cluster, um die Zuhörer endgültig besoffen zu spielen. Und dann lässt sie Finger um Finger der Rechten abrollen in einem schier endlosen Triller, während sie mit der Linken ein wuchtiges Rockriff stemmt, und lacht triumphierend ins Publikum.

Ihre Begleiter bringt sie nicht aus der Fassung. Phillips tickt ganz so wie sie, haut lieber einmal mehr auf das Becken, legt einen Extrawirbel ein, unterlegt jeden Piano-Ton mit einem Trommelschlag. Und Jackson, Buddha in der Bühnenmitte, verankert das wilde Treiben mit tiefem Funkbass, übernimmt manchmal am Sechssaiter die Melodie oder wirft einen hellen Akkord hin.

Das Problem dieses aufgekratzten Abends ist, dass ihre Eigenkompositionen nicht wirklich einprägsam sind und sich im Aufbau sehr ähneln. Man erinnert sich vor allem an Äußerlichkeiten, an das Unisono mit den tonal gestimmten Octobans im Thema von „Wonderland“, das Synthesizer-Solo von „Take Me Away“, das an Jan Hammer erinnert. Da fällt die bluesige Ballade „Indulgence“ schon aus dem Rahmen, wenn sie das Tempo zurückfährt und immer wieder Pausen einlegt. Aber die Melodie schlägt sie hart und metallisch an, ein bisschen Ramsey Lewis 2.0. Von dem hätte auch die Zugabe „All’s Well“ stammen können, ein Rausch rhythmischer Blues-Akkorde.

Das Publikum in Hattingen war sehr aus dem Häuschen, jubelte im Stehen. Auch Zuhörer können manchmal nicht leise.

Quelle: wa.de

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