Picasso Museum Münster zeigt Alberto Giacometti aus der Sammlung Maeght

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„Hund“, Bronze, 1951, von Alberto Giacometti.

Münster - Acht seiner Frauenfiguren sind auf einem Podest im Picasso Museum Münster zu sehen. Sie lassen sich gut im Profil betrachten, um die schmalen rauen Oberflächen der Bronzestelen zu differenzieren. Es gibt flache Nasen und lange, mit starkem Nasenbein und ganz gerade. Es sind Fixpunkte auf dem zerklüfteten Bronzematerial der klassisch modernen Darstellung.

Dennoch kommt man den typisierten Erscheinungen nicht nah. Ob spitzes Kinn, geöffneter Mund, kurze Haare, die Details lassen keine empathische Nähe zu Giacomettis wichtigstem Motiv zu. Die Frauen bleiben einem fremd.

Die Ausstellung „Alberto Giacometti. Meisterwerke aus der Fondation Maeght“ bietet 115 Exponate in Münster. Noch nie hat die Sammlung aus Südfrankreich mehr Skulpturen (36), Gemälde (8), Grafiken und Zeichnungen nach Deutschland ausgeliehen. Es ist eine gut sortierte Retrospektive, die tatsächlich aus allen Schaffensphasen des Schweizer Künstlers (1901–66) Beispiele parat hält. Es gibt immer wieder Ausstellungen zum Werk Giacomettis, der neben Picasso und Matisse zu den künstlerischen Superstars des 20. Jahrunderts zählt, aber in Münster ist er komplett und konzentriert zu erleben.

An dem Figurenfeld, das an seine Arbeiten für die Biennale 1956 in Venedig anknüpft, lässt sich eine Grunderfahrung Giacomettis ermessen. Während er arbeitete, spürte der Bildhauer immer wieder, dass er die Distanz zu seinem Modell nicht überwinden konnte („Du bist mir völlig fremd“). Es war seine Frau Annette. „Je mehr ich mein Modell anschaute, umso dichter wurde der Schleier zwischen seiner Wirklichkeit und mir. Ich sah nur noch unzählige Details.“

Diesen Erkenntnisakt im Arbeitssprozess materialisierte Giacometti in seiner plastischen Arbeit. Es ist sein zentraler Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Ab 1946 schuf er die Frauenfiguren in seinem Atelier in Paris. Museumsdirektor Markus Müller charakterisiert Giacometti als einen Künstler, der immer wieder an „das nicht zu vollendende Werk“ geht. Der Künstler soll von 40 Männer-skulpturen, die er geschaffen hatte, nur zwei behalten haben. Die anderen zerstörte er, da sie ihm missfielen.

Das Werk Giacometti wird neben der phänomenologischen Deutung als existenzialistisch interpretiert. Jean-Paul Sartre schrieb zwei Texte (1948, 1954) zum Oeuvre des Schweizers. Der Künstler selbst wird mit einem modernen Helden gleichgesetzt, der sein Schicksal angenommen hat und durch die Sisyphosarbeit ein Glück erfährt. Seine Figuren verkörpern das großstädtische Gefühl der Entfremdung. Das Wahrhaftige eines Menschen geht in der entfremdeten Figur Giacomettis verloren.

Die Ausstellung in Münster geht chronologisch vor. Ein Porträt seines Bruders Diego (1919) ist farblich vom Fauvismus inspiriert. Den Pinsel setzt Giacometti in der Tradition des Pointillismus ein. Sein Vater war in der Schweiz ein berühmter Künstler. Ein Blatt mit Tinte („Die Bäume“, 1918) demonstriert, wie intensiv sich der junge Giacometti mit der Zeichnung beschäftigte. Schon in die Schülerzeitung hatte er geschrieben, dass das Zentrum der bildenden Kunst die Zeichnung sei. Zeitlebens verstand er sich als Zeichner, Bildhauer und Maler. Berühmt machten ihn allerdings seine statischen Frauenstelen. Im Mai wurden 141 Millionen Dollar im Auktionshaus Christie’s eben für eine solche Skulptur bezahlt. Giacometti zählt zu den Superlativen im Kunstmarkt. Er ist ein Gradmesser für Wertsteigerung.

Entdeckt wurde Giacometti vom Kunsthändler Pierre Matisse, Sohn des Malers, und dem Galeristen Aimé Maeght, der ihn erstmals ausstellte. 1929 holte André Breton den jungen Schweizer zu den Surrealisten in Paris. In Münster ist eine Hauptarbeit dieser Zeit ausgestellt. Die Bronze „Der unsichtbare Gegenstand“ (1934/35) zeigt eine exotische Figur, die einen imaginären Gegenstand greifen will. Das gestauchte Gesicht hat Giacometti nach einer Gasmaske aus dem 1. Weltkrieg geformt. Die Arbeiten seiner surrealen Phase bezeichnete Giacometti später als „Scheiße“. Sein Frühwerk hatte er in Teilen vernichtet.

In Münster sind abstrahierte Plastiken zu sehen, die von schwarzafrikanischer Kunst („Bakota-Figur“) inspiriert waren. „Die Löffelfrau“ (1926, Bronze) und „Das Paar“ (1926/27, Bronze) haben eine kraftvolle Ausstrahlung.

Seit 1922 in Paris verbrachte Giacometti die Sommer immer wieder in Stampa, seinem Geburtsort in der Schweiz, wo er ab 1933 das Atelier des Vaters nutzte. Einige Zeichnungen in Münster zeigen die Landschaft Graubündens. Außerdem sind Stilleben mit Äpfeln und Blumen zu sehen. Giacometti strichelt fein, fast suchend und zeichnet die Blumen nur fragmentarisch.

Seine Stadtgemälde aus Paris sind kühl. Mattes Blau dominiert in dem Bild „Das weiße Haus“ (1958). Giacomettis Straßenansichten sind menschenleer. Das Urbane bleibt ihm fremd. Er arbeitete 39 Jahre lang in einem Atelier am Mont Parnasse. Eine „Höhle“ ohne Strom und Wasser. Obwohl er bereits Mitte der 50er Jahre ein gefeierter Künstler war und große Ausstellungen realisierte, verließ er die 23 Quadratmeter nicht. Sein Bruder Diego half ihm bei Arbeiten im Atelier, er bereitete Gussverfahren vor oder räumte auf.

Dass Giacometti auch Grafiken geschaffen hat, geht auf Aimé Maeght zurück, der ihn aufgefordert hatte, in Stein zu arbeiten. Ein neuer Prozess, denn Giacometti konnte den einmal gesetzten Strich nicht mehr korrigieren. In Münster sind Atelierbilder (von 1954) zu sehen, mit Büsten, Möbel, einer Katze und dem Hund, der zur Skulptur wurde. Giacometti erkannte sich in dem Tier selbst, wie er nächtens mit hängendem Kopf durch Paris schlich und den Gestank der Stadt eingeatmete.

Die Schau

Seine hageren und schrundigen Skulpturen sind Allgemeingut geworden. In Münster wird der ganze Giacometti ausgestellt. Sehr sehenswert.

Alberto Giacometti. Meisterwerke aus der Fondation Maeght. Bis 24. Januar; mo-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 20 Uhr; Katalog im Hirmer Verlag 34,90 Euro, im Handel 45 Euro; Tel. 0251/414 4710; www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

Quelle: wa.de

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