Richard Deacons zeichnerisches Werk im Museum Folkwang

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„Landscape Division“ (2011) nennt Richard Deacon seinen Blockdruck auf Kozopapier, collagiert. Zu sehen ist die Arbeit im Essener Museum Folkwang.

ESSEN - Es gibt Konstruktionen, die erstaunen und verwundern gleichzeitig. Was macht das „bunte Strukturding“ so anziehend? Ist es die flirrende Farbe, sind es die Formen; vielleicht das ganze Gebilde, mit seinen Kanten und Ecken, den freien Flächen und kuriosen Grenzzonen? Der Druck „Landscape Division“ (2011) von Richard Deacon ist ein autonomes Kunstwerk, das in seiner Wirkung unser Raumgefühl anspricht.

Der britische Bildhauer ist derzeit im Essener Museum Folkwang zu erleben. Hier wird erstmals sein zeichnerisches und druckgrafisches Werk ausgebreitet: „Richard Deacon. Drawings and Prints 1968 – 2016“.

Deacon zählt mit seinen vielgliedrigen und raumgreifenden Skupturen zu den Bildhauern Großbritaniens, die weltweit geschätzt werden. 1949 in Bangor, Wales, geboren, studierte er bis 1977 in Taunton und London. Neben zahlreichen Gastdozenturen war er Professor in Paris und lehrte von 2009 bis 2015 an der Kunstakademie in Düsseldorf. Seinen Kurator Julian Heynen, ehemaliger Direktor des K21 in Düsseldorf, kennt er allerdings schon deutlich länger.

In Essen sind in allen Kabinetträumen des Hauses nun 120 Zeichnungen, 30 Druckgrafiken, Collagen und plastische Arbeiten ausgestellt. Auf der Kopfwand zum Eingang der Schau hat Deacon das Wandbild „Big Screen“ mit farbiger Kreide geschaffen, und im Foyer ist eine überraschend flächig wirkende Skulptur von ihm zu sehen.

Neben seinen fast hypnotisch wirkenden Raumgebilden ist Deacons Weg zu gewissen skulpturalen Lösungen über die Zeichnung zu verstehen. Dabei passt das Muster Zeichnung als Vorstudie zum Objekt, der Skulptur, bei Deacon nicht. Heynen sagt, dass man in der Ausstellung dem Künstler beim Denken zusehen kann. Deacon selbst sagt, dass er mit der Zeichnung zeigen will, wie die Welt entsteht oder erscheint. Nach den frühen Arbeiten der 70er Jahre, als er Schrifttypen nachzog, um ihre zeichnerische Kraft zu demonstrieren („Stuff Box Office: Drawing“, 1971), entwickelte er für die Reihe „Es ist Orpheus, wenn er singt“ (1978/79) ein System mit Nagel, Schnur und Bleistift. Dabei kreiste er von verschiedenen Punkten mit dem Stift übers Papier und schafft Räume, Formen, Schnittmengen. Deacon denkt an Rainer Maria Rilkes „Sonette an Orpheus“ (1922), die Metamorphosen und Mehrdeutigkeiten anstoßen, erkennen. Der Künstler selbst schätzt die sondierende Arbeitsweise anstelle der Freihandzeichnung („Ich kann das Angestrebte selten in Linien fassen“).

Herrlich kurios sind seine verfremdeten Obst-Gemüse-Abbilder. „A Curious Apple“ (1992) zeigt das Objekt mit einem verkniffenen Gesicht auf einer Vase thronend so ironisch sind seine Kunstwerke sonst nicht gemeint. Aber Deacon greift hier auf publizistische Vorbilder des 19. Jahrhunderts zurück, als die Vorstellungslust noch eine Geisteshaltung war.

In den 90er Jahren widmete er sich der Fotografie, das heißt, dass er eigene und ausgewählte Fotos um kleine Zeichnungen ergänzte. „London #5“ (1998) zeigt den Blick aus seinem Atelier. Mittendrin ist eine amöbenartige Form, die demonstrieren soll, wie der Künstler die Zeichnung in die Welt stellt. Es ist hier mehr eine physikalische Erscheinung. In „London #4“ ist die vielteilige Zeichnung eine zentrierte Figur inmitten des Nachthimmels.

Ein Grundmotiv von Richard Deacons Arbeit ist die Suche. In Essen wird das sehr augenfällig, wenn man an den Tisch „It’s A Small World“ tritt, auf dem 130 kleine Keramikskulpturen (1999–2005) stehen. Es ist ein Sammelsurium aus Deacons Formvokabular, das in seiner Vielteiligkeit und Wiederkehr beeindruckt.

Aber an erster Stelle seiner Arbeit steht die Zeichnung, die sein Denken grafisch sichtbar macht. Zu den flächigen spitzkantigen Konstrukten wie „Bamako Monoprint #28“ (2012) gelangte er während seiner Zeit in Bamako in Mali, als er mit Studenten arbeitete. Da es keinen verlässlichen Stadtplan gab, orientiere sich Deacon am Niger-Fluß, an Brücken und der Moschee. Dann zeichnete er seine Wege durch die Stadt nach. Neben diesen geschlossenen Gebilden sind die endlose Linie und die wiederkehrende Form wichtige Bestandteile seines Werks. Mit Tusche und Bleistift hat Deacon den Ausschnitt einer unendlichen Netzstruktur in „Some Interference 7.08.05 (1)“ 2005 auf Papier entworfen. Wer das Regelmäßige im Bizarren erkennt, forciert einen Gedankenstrom, der gleichzeitig beruhigt und belebt. Wohltuend.

Die Schau

Ein Formen- und Zeichenreichtum, der fesselt und zeigt, wie der Bildhauer zu seinen dreidimensionalen Skulpturen kommt und sie entwickelt.

Richard Deacon. Drawing and Prints 1968 – 2016 im Museum Folkwang in Essen.

Bis 13. November; di-so 10 bis 18 Uhr, do, fr bis 20 Uhr; Katalog im Steidl Verlag, 28 Euro;

Künstlergespräch am Samstag, 3. 9., um 16 Uhr mit Julian Heynen.

Richard Deacon stellt ab 4. 9. in Neuss in der Langen Foundation und der Skulpturenhalle der Thomas Schütte Stiftung aus.

Quelle: wa.de

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