Richard Siegals Tanzabend „In Medias Res“ bei der Ruhrtriennale

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Szene aus Richard Siegals Tanzabend „In Medias Res“ mit Vânia Vaz, Diego Tortelli und Wolfgang Zamastil.

ESSEN - Man befürchtet das Schlimmste, als sich die Tür im Tanzzentrum PACT Zollverein Essen öffnet und Corey Scott-Gilbert den schwergewichtigen Wolfgang Zamastil auf die Spielfläche zerrt. Eigentlich wird er das Cello spielen, Jetzt aber liegt er reglos da, in Kochuniform, aber eher wie ein totes Schlachttier, das gleich ausgeweidet werden soll. Doch dann steht er einfach auf und beginnt zu spielen.

Wie soll man sich das Purgatorium vorstellen, das Fegefeuer, das lässliche Sünden wegbrennt? Der Choreograf Richard Siegal widmet diesem Motiv aus Dantes „Inferno“ seinen zweiten Abend für die Ruhrtriennale, „In medias res“. Die erste Produktion dieser Reihe im letzten Jahr sorgte mit Lautstärke und krassen Bildern für Provokationen. Diesmal lief alles sanfter ab. Eingeheizt wird nur in Videoprojektionen. Aber die durchaus qualvolle Reinigung vollzieht sich als vielschichtiges Treiben zwischen Restaurant, Baustelle und Ritual. Unter den diabolisch geknurrten Kommandos des Kontrabassisten Frédéric Stochl wird für einen Zuschauer in der ersten Reihe ein langer Tisch herbeigeschafft und eingedeckt. Und immer wieder brechen die Akteure intensive Tanzszenen abrupt ab, um den Teller abzuräumen oder den nächsten Gang aufzutragen. Und mag Stochl in einem kauderwelschigen Englisch Wein und Speisen auch noch so anpreisen – genussvoll sieht das nicht aus.

Immer wieder werden die Darsteller, die oft Schutzmasken vor dem Mund tragen, zu Objekten. Einer führt den Mitspieler wie eine Marionette, tritt zum Beispiel in die Hacke, damit der andere den Fuß auf den Stuhl setzt. Andere werden eingeschmiert, in Staub gewälzt. Und ebenso regelmäßig formen sich zwei zu Pas de deux, in denen sich Aggression und erotische Sehnsucht vermengen. Ein Tänzer bemalt die Bühnenrückwand mit einem expressiv-einfachen Gesicht, auf das ein Bild projiziert wird. Fotos werden an die Wand geklebt. Videos zeigen zum Beispiel eine einsame Figur durch eine Steinwüste irren. Die Fülle von Anspielungen lädt die Szenen mit Spannung auf, die nicht wirklich aufgelöst wird. Stark das Schlussbild: Da schwingt zunächst ein Tänzer wild eine rotfleckige Fahne, auch über das Publikum, das folkloristische Element wird mit halsbrecherischer Virtuosität eingesetzt. Dann beginnt eine Apotheose: Der schmutzige Bühnenboden, die befleckte Rückwand werden durch eine Tür eingezogen, verschwinden im Loch wie Wasser im Ausguss. Und die Akteure entkleiden sich, gehen unter Duschen im Hintergrund und waschen die Spuren der Bühnensudelei ab. Und nach vollzogener Reinigung folgen sie der Bühnendekoration durch das Tor, über dem der verblichene Schriftzug „Tout est pardonné“ prangt, die Schlagzeile der ersten Ausgabe von „Charlie Hebdo“ nach dem islamistischen Anschlag.

Siegals einstündiger Tanzabend lässt sich nicht in eine Botschaft übersetzen, er bietet Assoziationen, eine Flut aus Bildern und Bewegungen. Großer, wenn auch etwas ratloser Beifall.

18., 19., 20.8., Tel. 0221/ 280 210, www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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