Rock am Ring mit den Red Hot Chili Peppers und anderen Bands

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Bassist Michael „Flea“ Balzary flippt aus. Am Samstag Abend spielte er mit der US-Band Red Hot Chili Peppers in Mendig (Rheinland-Pfalz) beim Festival Rock am Ring.

MENDIG - Schon das Intro funkt an diesem besonderen Samstag des dreitägigen Festivals Rock am Ring: Schlagzeuger Chad Smith gibt vor. Es ist keine Overtüre, sondern eine fordernde Einladung an Bass und Gitarre. Michael „Flea“ Balzary gibt Gas, die Finger slippen, slappen und springen. Gitarrist Josh Klinghoffer steigt ein – und schnell reißt sie beide mit, was so charakteristisch ist für die Musik der Red Hot Chili Peppers: der jedem Song eigene Flow. Man gleitet über in den ersten Song Can´t Stop. Takt für Takt sacken Balzary und Klinghoffer tiefer bis sie einander gegenüber knien, sich windend und wiegen zu den Klängen, die sie selber erzeugen. Sie balzen umeinander und selbst diese Choreografie wirkt maßgeschneidert wie der quietschbunte Anzug des flippigen „Flea“.

Das ist Sex, das rockt und ist doch zugleich präzise Feinmechanik. Mit auf die Bretter begibt sich Anthony Kiedis, der mit Basecap und fettem Schnurrbart an Darsteller aus Schmuddelfilmchen der 70er-Jahre erinnert. Nur wenige Tage vor dem Deutschland-Release ihres neuen Albums sind die „Chilis“ Top-Act am Ring und liefern eine furiose Show ab, in der sie auf zu viel Eigenwerbung verzichten. Zwar steht die Bühne samt dazu gehöriger Leinwände in flammenden Farben, als sie mit Dark Necessities den ersten Song der neuen Scheibe vorstellen. Und auch der für das neue Album titelgebende Song „The Getaway“ wird präsentiert, aber damit sind die ersten Appetithäppchen auch schon verfüttert. Schätzchen wie „Californication“, „Nobody Weird Like Me“ und „Suck My Kiss“ oder Gassenhauer wie „Under The Bridge“ bringen die Masse vor der Bühne in Bewegung. Vielstimmig ist der Chor der Mitsänger. Aber deutlich verhaltener und weniger euphorisch, als es sonst bei den Top-Acts der Fall ist.

Die Enttäuschung sitzt tief: Kurz zuvor hatte Konzertveranstalter Marek Lieberberg verkündet, dass endgültig Schluss sei. Nachdem bereits im vergangenen Jahr das erste Rock am Ring auf dem ehemaligen Militär-Flughafen bei Mendig 33 Verletzte durch Blitzeinschläge verzeichnet hatte, wiederholte sich das Unglück in diesem Jahr: 71 Menschen wurden erneut am Freitag durch Blitzeinschläge verletzt, darunter einige schwer. Diesmal verwandelte sich das Veranstaltungsgelände zusätzlich in eine Morastlandschaft. Das Innenministerium Rheinland-Pfalz schaltete sich ein und empfahl angesichts weiterer Unwetterwarnungen, die Veranstaltung vorzeitig zu beenden. Veranstalter Marek Lieberberg entschied sich fürs Weitermachen, doch schließlich zeigte ihm die Gemeinde Mendig die rote Karte.

Der Samstag als zweiter Veranstaltungstag geriet zur Hängepartie. Der Spielbetrieb wurde am Nachmittag vorübergehend unterbrochen; die Zuschauer mussten das Gelände verlassen und mehrere Stunden warten, bis die Veranstalter noch einmal grünes Licht für die letzten Konzerte gaben. Bis in die frühen Morgenstunden dauerte der rasch improvisierte Ersatzspielplan. Einige Künstler, darunter auch die Red Hot Chili Peppers, absolvierten ihre Show zu einem späteren Zeitpunkt.

Es war, als ob Bands wie Heaven Shall Burn, Killswitch Engage und die Deftones noch einmal extra aufs Gaspedal treten würden, um den Festival-Besuchern ein Veranstaltungsende mit Erinnerungswert zu bereiten. Bullet for My Valentine, seit zehn Jahren Dauergast der Veranstaltung, schlugen ebenfalls die für sie typische harte Gangart voller Tempi-Wechsel ein: Desillusorisch, ironisch und fatal-romantisch trafen etliche ihrer Texte den Nerv der Zuhörer, ebenso wie ihr Sound, ein musikalischer Kriegseinsatz versetzt mit melodischen Elementen. „Ist es das, was ihr wollt?“ fragte Sänger Matthew Tuck ein ums andere Mal, grinste lausbübisch, schüttelte die Mähne über den halb rasierten Schädel und lud mit Songs wie „The Last Fight“, „Alone“, „Scream Aim Fire“ und „The Poison“ Munition nach.

The Boss Hoss brachten schließlich ein bisschen gute Laune zurück: Mit Bläsereinsatz und ihrer witzigen Mischung aus großen Gesten und Johnny-Cash-Attitüden waren die Sympathien auf ihrer Seite. Allerdings sollte Gitarrist Sascha Vollmer nicht Recht behalten: „Rock am Ring ist stärker als Derdaoben“ hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits überholt. Sehr zum Bedauern der Musikfans.

Das Festival hatte am Freitag seinen ersten klaren Höhepunkt mit dem Auftritt von Disturbed erlebt: Frontmann David Draiman wurde für seine aktuelle Interpretation des Simon-and-Garfunkel-Songs „The Sound of Silence“ gefeiert, am Ring präsentiert mit entsprechend pointiertem Streichereinsatz. Eine Version, die einmal mehr beweist, dass der Kopf der Metal-Formation ein ausgezeichneter Sänger ist, der den klaren, reinen Klang virtuos ins rockig-rauchige gleiten lässt, nur um kurze Zeit später wieder Töne kristallklar zu schleifen. Gleiches galt auch für Draimans Interpretation des U2-Klassikers „I Still Haven’t Found what I’m Looking For“.

Tenacious D traf das Gewitter. Zwar ertönte ihr bei Ozzy Osbourne entliehenes Intro noch, doch die Stars sollten die Bühne vorerst nicht betreten. Für eineinhalb Stunden ruhte der Festival-Betrieb bereits am Freitag wegen Unwetter. Doch zu späterer Stunde vermochten die Kult-Spaß-Rocker Jack Black (diesmal bärtig wie ein Monchichi) und Kyle Gass in Minutenschnelle die Massen mit viel Selbstironie und an der Gürtellinie kratzenden Videoeinspielungen zum Lachen zu bringen, so dass die Wetterkapriolen schnell vergessen waren.

Deutlich spürbar war am Freitag, dass Rock am Ring sich wieder einem jüngeren Publikum zuwendet: So machten Frittenbude beispielsweise ordentlich Alarm, dirigierten Mittelfinger zum Himmel und forderten auf, Krawall für sich selbst zu machen. Und Major Lazer verwandelten das Gelände mit elektronischen Beats in eine Open-Air-Disco. Und weniger bekannte Formationen wie Cane Hill gaben ihre Visitenkarte im Zelt ab.

Im Fernsehen: 3sat zeigt am Samstag, 11. Juni, ab 16 Uhr eine RaR Doku; zudem zeigt 3sat am 11. Juli mehrere Einzelkonzerte.

Unwetter

Wegen eines für Sonntagnachmittag erwarteten Unwetters hatte die Verbandsgemeinde Mendig den Veranstaltern die Genehmigung für die Fortsetzung des Festivals mit 90 000 Besuchern entzogen. Konzertveranstalter Marek Lieberberg sprach gestern von einem Fall „höherer Gewalt“. Anders als die Behörden hätte man gerne am Sonntag das Festival zum Abschluss gebracht. Dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz (SPD) warf Lieberberg vor, die Verantwortung für die Absage auf die Gemeinde abgeschoben zu haben. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, dass Lewentz den Abbruch der Veranstaltung bereits am Tag zuvor gefordert habe.  dpa

Quelle: wa.de

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