Ruandisch-deutsche Co-Produktion „Our House“ am Helios-Theater Hamm

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Mit einfachen Mitteln erzählt das Helios-Theater Geschichten von Heimat und Flucht.

HAMM - Als 1994 der Völkermord der Hutu an den Tutsi in Ruanda eine Million Todesopfer forderte, war die Hälfte der heutigen Bevölkerung noch nicht geboren. Ruanda ist ein sehr junges Land, 50 Prozent der Einwohner sind unter 20 Jahre alt. Wie erklären, welche Bürde Geschichte ist – die des Landes und die persönliche?

Daran arbeitet das Ishyo Arts Centre aus Kigali, Ruanda. Vor zwei Jahren war die Truppe beim Hellwach-Festival des Helios-Theaters für Kinder- und Kleinkindertheater zu Gast. Nun hat das Hammer Ensemble mit den Ruandern ein Abend-Stück erarbeitet. „Our house“, gedacht für Jugendliche ab zwölf Jahren, thematisiert Fragen nach Heimat, Heimatverlust und Identität, gefasst in die Metapher vom Haus.

„Our house“ ist ein gelungener Versuch, komplexe und schmerzhafte Dinge greifbar zu machen. Dabei verzichten Helios-Regisseurin Barbara Kölling und ihre ruandische Kollegin Carole Karemera auf weitere Aktualisierungen. Sie lassen ihre Darsteller in einfachen, meist englischen Sätzen Geschichten erzählen. Gemeinsam ist ihnen die Erfahrung von Heimatverlust.

Helena Aljona Kühn erzählt, wie 1994 ihre Eltern Kasachstan verließen und mit ihr und ihrer Schwester nach Deutschland auswanderten. In ihrer Erzählung gibt es ein anrührendes Detail: Das achtjährige Mädchen erträumt sich eine geheime Tür, von der nur es weiß: Sie führt es zurück auf den heimischen Hof. Die Erzählungen gehen ineinander über. Hervé Kimenyi spricht von einem zerbombten Elternhaus in Burundi. Dazu legt das Ensemble einen Grundriss aus Stangen. Das ist grafisch, anschaulich, bei aller Schwere auch durchaus voll Humor. Die musikalische Begleitung (Roman D. Metzner, Hervé Twahirwa) erzeugt mit simplen Mitteln Stimmungen: ein Klopfen oder ein leises Trommeln, eine Zither, die eine Melodie unter das Spiel legt, leiser Gesang von Twahirwa.

Michael Lurse erzählt von Jimmy. Es ist 1933. Jimmys jüdische Mutter wird aus ihrer Wohnung vertrieben, der Junge steht nach der Schule nichtsahnend vor der Tür. Das Ensemble hat kleine bunte Häuser aus Stäben in der Hand. Historie ist nicht tot, sagt uns das. Sie ist zum Begreifen da.

„Our house“ arbeitet mit einfachen Bildern. Mit Stangen wird ein wackliges Haus gebaut. Teppiche mit unterschiedlichen Mustern und Farben stehen für die verschiedenen Elemente einer Geschichte, auch für unterschiedliche Identitäten. Als Ausweg bietet sich eine Utopie an: Gemeinschaft. Alle in einem Haus. Das ist nicht so einfach. Michael Lurse kann das gut darstellen. Ein paar Mal sieht es aus, als wolle er sagen: Nee, jetzt ist das Boot aber voll. Trotzdem glaubt das Stück an den guten Willen der Menschen.

Auch, als Eliane Umuhire spricht: Es ist wieder 1994. Zwei Tutsi-Mädchen verstecken sich, indem sie sich in aller Öffentlichkeit zeigen: als Hutu gekleidet. Während sie warten, sehen sie Killertrupps vorbeilaufen. Ihr Elternhaus, das ihnen Sicherheit sein sollte, sehen sie nur von Weitem.

Kölling und ein Team haben in Ruanda recherchiert. Im November wird „Our house“ in Kigali aufgeführt. Die Botschaft: Es hilft schon, wenn die Menschen miteinander sprechen können. Es ist ein Verdienst, das für junge Menschen in Theatererleben umzuwandeln, ohne offensichtlich didaktisch zu werden.

19., 20.9., Tel. 02381/92683, www.helios-theater.de

Quelle: wa.de

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