Ruhr Museum Essen zeigt „Arbeit und Alltag“

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Kohleherd, produziert von der Firma Küppersbusch und Söhne, Gelsenkirchen-Schalke, um 1925.

ESSEN - Ein durchdringendes Läuten empfängt den Besucher der Ausstellung „Arbeit und Alltag. Industriekultur im Ruhr Museum“. Auf der Zwölf-Meter-Schauebene der ehemaligen Kohlenwäsche der Zeche Zollverein in Essen ist eine Hörstation eingerichtet, die Geräusche aus der Arbeits- und Lebenswelt der Zechenarbeiter abspielt. Zu hören ist die Glocke, die ertönt, wenn der Förderkorb in den Grubenschacht einfährt.

Auch die Zechensirene zählt zum Repertoire, wie Abfüllgeräusche einer Bierbrauerei, typische Geräusche vom Taubenschlag und mehr.

Der Besucher der großen Sonderausstellung soll auch in sich hineinhorchen, das heißt sich erinnern. Denn in der Vielzahl der sorgsam präsentierten Gegenstände entdeckt jeder das ein oder andere Beispiel aus dem eigenen Leben. So steht der eiserne Kohleherd der Firma Küppersbusch und Söhne aus Gelsenkirchen-Schalke (um 1925) für einen Typus Küchenmöbel, der noch in den 70er Jahren seinen Dienst tat. Der schwarze Einkochtopf mit Thermometer aus emailliertem Eisenblech, um 1940, zählte zur hauswirtschaflichen Ausstattung der 50er Jahre. In vielen Familien lagert so ein „Überrest“ noch im Kellerkabuff, während längst die „Einkochware“ im Supermarkt gekauft wird. Im Museum fühlen sich diese Gegenstände wie Prototypen einer verschütteten Zeit an, deren Aura noch spürbar ist. Der Katalog zur Schau präsentiert zu jedem Ding eine Geschichte: 130 insgesamt. In der Ausstellung selbst werden sogar 350 Sammelstücke gezeigt.

Es sind auch die Dinge, die uns an Menschen erinnern, die Herd und Kochtopf damals bedienten und die längst gestorben sind. Tauchte nicht der Servierwagen „Dinett“ (Bremshey, Solingen, um 1960) aus schmalen Rohr mit gepressten Holzeinsätzen bei Tante und Onkel auf, weil in ihrer kleinen Küche schnell mal Platz nötig war? Der klappbare Wagen half aus.

Die industrie- und zeitgeschichtliche Sammlung des Ruhr Museums besteht aus über 100 000 Objekten. In der Ausstellungsarchitektur der Kohlewäsche fügen sich die Dinge in die Kammerstruktur des ehemaligen Kohlebunkers. Das wirkt sortiert, sorgsam ausgestellt und sehr wertgeschätzt.

Die Ausstellung ist in sechs Bereiche gegliedert. Neben Haushalt, Betrieb und Gesellschaft finden sich in den Seitenräumen der Schau Beispiele für Freizeit und Individuum. Zum Begriff „Identitäten“ fällt auf, dass es nicht viele offizielle gab. Einerseits wurde der Firmenlenker idealisiert, andererseits sollte die „Maloche“ als soziales Bindeglied die Solidarität im Revier glorifizieren. Ölgemälde vom Krupp-Chef, Bronzestatuetten vom Bergmann und Stahlarbeiter zählen dazu wie die Bergmännische Geduldsflasche, die nicht so bekannt ist wie das Buddelschiff. Aber auch sie drückte als Miniatur den Stolz des Berufstands aus. Das Beispiel von 1851 zeigt „Bergmännchen“ untertage. Auf einem Stickbild um 1900 heißt die Lebens- und Duldungsprämisse: „Das Unvermeidliche mit Würde tragen“. Seitdem hat sich viel geändert.

Dass gerade die jüngeren Generationen mit dem Erbe von Kohle und Stahl längst selbstironisch umgehen, demonstrieren Konsumgüter wie die Zigarettenmarke „Ruhrpott“, die eine niederländische Firma zwischen 1998 und 2007 vertrieb: Folklore mit Glimmstängel.

So grafisch Email-Werbeschilder die Wirtschaftszweige bebildern, Blumenhocker und Wohnküchenschränke („Gelsenkirchener Barock“) den lebensnahen Kitsch inszenieren, die „Arbeit“ steht zu erst im Titel der Schau. Und so dominieren große Objekte die Ausstellungsebene. Die Krangießpfanne aus den 50er Jahren, mit der in der Maschinenfabrik Deutschland in Dortmund noch Roheisen transportier wurde – bei 1200 Grad. Oder die Feldkanone, die zwischen 1872 und 1875 die Essener Kruppwerk verließ und die preußischen Truppen stärkte. Sie war schon in der großen Krupp-Ausstellung zu sehen.

„Arbeit und Alltag“ schließt sich als vierte Schau den Sammlungspräsentationen im Ruhr Museum an. Bisher waren Fotografien, Objekte, Bilder der Vormoderne (5. bis 18. Jahrhundert) und die Mineralogie vorgestellt worden. Archäologie und Geologie sollen noch folgen.

Jedes Ding, das im Museum einen Platz gefunden hat, evoziert auch neue Gedanken. Die stumpfen Handschuhe eines Hochofenarbeiters wirken wie aus dem Mittelalter. Über den sauberen Elektro-Kachelkamin mit künstlich flackendem Feuer (1970–88 hergestellt) kann man lächeln, zählt doch heute der Kaminofen mit echtem Holz zum Wohlfühl-Inventar daheim. Die Stechuhr der Firma Bürk aus Württemberg verstrahl etwas seriöse Noblesse ins Firmendasein. Und die „Kaffeepulle“ des Bergmanns aus Weißblech erinnert an aktuelle Fotokunst: gesammelt und gruppiert. Hier ist Zeitgeschichte rausgeputzt.

Bis 3. April 2016; täglich 10 bis 18 Uhr; Katalog 19,80 Euro, Verlag Walter König, im Buchhandel 29,80 Euro; Tel. 0201/24681400; www.ruhrmuseum.de

Quelle: wa.de

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