Ruhr Museum in Essen zeigt Fotografien Erich Grisars

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Abtransport von Schlammkohle, Dortmund. Eine Frau und zwei Mädchen laufen barfuss.

ESSEN Der eine greift zum Hut, der andere richtet sich kurz auf. Erich Grisar hat die Arbeiter in den Sucher seiner Kamera genommen und fotografiert sie in ihrer Pause. Dass sie müde wirken und mitgenommen, will er gar nicht herausstellen. Grisar ist nicht der Suchende, der Entdeckungen machen will, um das Orginäre des Ruhrgebiets zu visualisieren. Seine Bilder aus den Jahren 1928 bis 1933 zeigen einfach, wie er die Menschen antraf.

Grisar, 1898 im Dortmunder Norden geboren, gehörte dazu. Derzeit sind 200 Fotografien des Schriftstellers, Sozialdemokraten und Journalisten in der Ausstellungsgalerie des Ruhr Museums in Essen zu sehen. „Erich Grisar. Ruhrgebietsfotografien 1928 – 1933“ ist in die Kapitel „Städtisches Leben“, „Kindheit“ sowie „Arbeit und Alltag im industriellen Ballungsraum“ geordnet. Die Fotografien verdichten ein Alltags- und Gesellschaftsbild am Ende der Weimarer Republik. Die meisten Aufnahmen stammen aus Dortmund, das damals rund 500 000 Einwohner zählte.

Grisar, der in Kessel- und Brückenbaufabriken als Vorzeichner von Metallteilen arbeitete, kam 1918 schwer verwundet aus dem 1. Weltkrieg zurück. Ab 1924 arbeitet er als Journalist und verkaufte seine Texte und Fotos an die lokale und überregionale Presse. In Essen sind Zeitungen mit seinen Reportagen zu sehen: Arbeiter mit Bohrhämmern oder Pflasterer mit Schlagbolzen waren für das Sächsische Volksblatt („Volksblatt Illustrierte“, 1929/30) in Leipzig interessant. Zum Thema Straßenmusiker lieferte er acht Fotos mit Text: Leierkastengruppe, Straßenkapelle, Trompeter, Hofmusikanten... (8. August, 1930).

In einer Vitrine sind die Kamera Plaubel Makina I mit einem 6x9 Rollfilmaufsatz und die Schreibmaschine Remington Portable ausstellt. 1932 erschien Erich Grisars Buch „Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa“ in der sozialdemokratischen Buchgemeinschaft „Der Bücherkreis“. Das Cover-Bild zeigt eine Frau mit Kindern in Marseille. Sie liegen auf der Straße, schmutzig, verarmt. Erich Grisar suchte sich vor allem soziale Themen. Er veröffentliche Erzählungen und galt als Arbeiterdichter. Ideologisch ließ sich Grisar aber nicht vereinnahmen, er wollte mit seinen Fotografien zwischen den Klassen vermitteln.

Grisar ging nicht programmatisch vor, sondern ließ sich vom Ereignis locken. Er zeigte „Frachtschiffe mit Kartoffeln“ im Dormunder Kanalhafen, er hielt den Zusammenbruch eines Kutschpferds, die Rettungsübung der Feuerwehr und einen Menschenauflauf während der Bankenkrise 1931 im Bild fest. Er war Reporter. Künstlerische Fotostile, wie das an Strukturen orientierte „Neue Sehen“ oder die extremen Perspektiven der russischen Avantgarde, forderten ihn nicht heraus. Die Objektfotografie der Bauhaus-Künstler war nicht sein Thema. Grisar schaute, was passierte, wer ihm begegnete. Altpapier und Altwarensammler, Bürsten- und Besenverkäufer, zwei Teppichhändler und Straßenarbeiter. Es sind situationsabhängige Fotos, keine Typenstudien, wie der Fotograf August Sander (1876–1964) sie bereits mit seiner Studie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ vorgelegt hatte. Grisars „Handlanger“ schleppt die Steine eine Leiter hinauf, sein Gesicht bleibt konturlos. Es ist Maloche.

Erich Grisar ist ein Arbeiterfotograf, der gerade entdeckt wird. Er hatte die Aufnahmen nicht mit Titeln versehen. Das Stadtarchiv Dortmund, das Grisars Nachlass seit 1972 betreut, gibt Hinweise zu den Fotos wie „Abtransport von Schlammkohle“. Zu sehen ist eine Frau, die einen Karren zieht. Zwei Mädchen helfen. Schlammkohle hatte einen schlechten Brennwert, aber Mittellose fischten sich die Kohlereste aus den Klärbecken der Zechen. Die Verwaltung untersagte diese Praxis bei Strafe. Grisar dokumentierte in mehreren Bildern diese Notlage, aber auch die Freude, wenn ein großer Kohlebrocken gehoben wurde.

Mit einer anderen Serie vermittelte Grisar den Alltag auf dem Schlachthof: Freibankfleisch, Rinderauslieferung, Schlachtreste mit ungeborenem Kalb, und „ein Mann trägt Innereien“. Es sind authentische Zeitdokumente der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Ruhrgebiets.

Von den 4200 Negativen und Glasplatten aus Grisars Nachlass sind rund 1500 im Ruhrgebiet entstanden. Für die Ausstellung wurden Negative digitalisiert und dann auf Barytpapier ausbelichtet. Das Stadtarchiv Dortmund kooperiert mit dem Ruhr Museum. „Erich Grisar“ wird in Essen zu den „Klassikern“ der Ruhrgebietsfotografie gestellt. Neben Heinrich Hausers „Schwarzes Revier“ (1930) zählt „Chargesheimer: Die Entdeckung des Ruhrgebiets“ (1958) dazu. 2018 soll die Ausstellungsreihe mit Albert Renger-Patzschs „Ruhrgebiets-Landschaften“ (1927–35) fortgeführt werden. Das Dortmunder Fritz-Hüser-Institut kümmert sich um die literarischen Publikationen Grisars und steuerte Exponate zur aktuellen Schau bei.

Beeindruckend sind Grisars Kinderbilder, wie die Jungs aus der Siedlung Kaiserstuhl. Oder der Turm aus Briketts, ein Motorrad aus Schutt und Steinen. Die „Proletarierkinder“ balgten sich auf Brachflächen, spielten auf Baustellen und vor Zechen. Nur Fußballbilder fehlen – ein Ball oder eine Ersatzkugel blieben unerreichbar.

Die Schau

Das fotografische Werk eines Arbeiterdichters zeigt detailliert Leben und Kindheit im Ruhrgebiet der Weimarer Republik.

Erich Grisar. Ruhrgebietsfotografien von 1928 – 1933 im Ruhr Museum Essen.

Bis 28. August; täglich 10 – 18 Uhr; Osterfeiertage geöffnet, Katalog im Klartext-Verlag 19,95 Euro; Tel. 0201/24681 444; www.ruhrmuseum.de;

Die Schau ist vom 24.2. bis 8.10. 2017 im Museum Zeche Zollern in Dortmund zu sehen.

Quelle: wa.de

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