Ruhrtriennale: Johan Simons inszeniert Glucks Oper „Alceste“

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Eine Königin, die sich opfert: Brigitte Christensen als Alceste und der Chor MusicAeterna bei der Ruhrtriennale.

BOCHUM - Bei der Programmvorstellung der zweiten Ruhrtriennale unter seiner Ägide versprach Intendant Johan Simons ein politisches Festival mit einer Flüchtlingsoper und einer Reise zu Gebetsorten im Ruhrgebiet, den Urban Prayers Ruhr. Doch zur glanzvollen Eröffnung gab es ein Werk, das, zumindest in der Lesart von Simons, ein Lob der Intimität war.

Christoph Willibald Glucks Oper „Alceste“ realisierte er in der selten gespielten italienischen Originalfassung von 1767 mit dem Spezialisten René Jacobs und einem superben Ensemble, von dem Chor MusicAeterna aus Perm, der dem Humanismus der Musik sinnliche Nachdrücklichkeit verlieh, bis zu den großen Solisten und dem B’Rock-Orchester, das unter Jacobs die Partitur straff und sinnlich, zugleich theatralisch und zutiefst persönlich interpretierte.

Alceste erzählt einen Klassiker aus der griechischen Mythologie, eine Geschichte, die in der europäischen Rezeption als leuchtendes Beispiel für Gattentreue hochgehalten wurde und durchaus Raum für Kritik böte, zum Beispiel was Männer- und Frauenrollen betrifft, also das Politische im Privatesten. Alceste, Königin von Thessalien, verliert ihren Mann Admetos durch Krankheit. Das Orakel des Apoll verkündet: Gerettet werden kann der König nur, falls sich jemand für ihn opfert. Die Frau nimmt das Opfer auf sich, verlässt dafür ihre Kinder. Gluck entfernte sich in der Alceste von den vokalen Zurschaustellungen der barocken Opera Seria zugunsten eines persönlichen Ausdrucks.

Die riesige Spielfläche in der Bochumer Jahrhunderthalle ist mit Zuschauertribünen in einem langgestreckten L umgeben. Die Bühne (Leo de Nijs) öffnet die Perspektive für den großen Draufblick oder für das Nah-Dran, wenn der Chor auf die erste Reihe zustürmt, als sollten die Zuschauer ergriffen und mitgezogen werden.

Regisseur Simons bewegt den Chor als flüchtendes Volk aus ängstlich Wegrennenden. Leere Plastikstühle stehen dagegen symbolisch für Verlust und Einsamkeit. Die Lichtregie von Dennis Diels bemüht sich, den Raum intim auszuformen, besonders im dritten Akt, als Alceste sich von der Gemeinschaft der Lebenden entfernt. Da wandert Birgitte Christensen über die riesige Fläche, die schimmernd wohl an das Vergessen des mythischen Flusses Lethe mahnt. Das Finale bleibt pessimistisch: Statt Alceste dem Mann zurückzugeben, wie es Euripides und das Libretto verlangen, führt Apollon Admetos selbst ins Schattenreich, die Vereinigung findet im Tode statt. Zurück bleiben die Kinder auf der leeren, dunkel schimmernden Fläche: verlassen, doch frei.

Simons setzt ein zartes Kammerspiel in einen viel zu weiten Raum. Leben gewinnt die Aufführung durch die ausgezeichnete musikalische Umsetzung, allen voran durch Birgitte Christensen, die die Entwicklung Alcestes von Opferwillen bis Trauer, von Wut bis Resignation ausformt und eine Unmittelbarkeit erzeugt, die bis in die letzten Winkel der Halle reicht. Auch Thomas Walker liefert als Admetos ein intensives, wenn nicht ganz so fein ausgeformtes Rollenporträt, auch Kristina Hammarström und Anicio Zorzi Guistiniani als Ismene und Evandro überzeugen.

Georg Nigl singt den Hohepriester und später den Gott Apollo mit öliger Selbstzufriedenheit, als Trickster und Spötter ein beweglicher Punkt in der überwiegend statischen Personenführung: Er hüpft und äfft, stapelt sich aus Plastikstühlen einen Hochsitz und zieht Opferraben aus einer Mülltüte. Sonst bewegt sich wenig.

Die Musik bekommt einen riesenhaften Raum, vor allem die Chöre, in denen den Permern das Kunststück gelingt, die Töne wie Geständnisse in die Halle zu legen.

20., 21., 25., 27., 28.8.,

Tel. 0221/ 280 210,

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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