J. Ryan Stradals Roman „Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens“

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J. Ryan Stradal

Was passiert, wenn Bhut-Jolokia-Chili in alles Essbare gemischt wird? In Wrigleyville, einem Stadtteil von Chicago, wird das in der „Hell Night“ getestet. Der Autor J. Ryan Stradal stellt dabei die Hauptperson seines Episodenromans „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ vor. Es ist Eva, die in diesem Kapitel elf Jahre alt ist und reihenweise Männer umlegt, die dem scharfen Paprika aus Indien nicht gewachsen sind.

So zielstrebig Eva Thorvard mit ihrer Cousine Braque loszieht, um zur „Hell Night“ Wettgelder zu kassieren – welcher Kerl kneift denn vor einer Elfjährigen? – so entschieden verdichtet J. Ryan Stradal die Geschichten in seinem Roman. Dabei ist Eva nicht immer Mittelpunkt. Stradal, der in Minnesota aufgewachsen ist und die Menschen im Mittleren Westen gut kennt, variiert die Form des episodenhaften Erzählens, in dem er große Zeitsprünge einbaut und Charaktere auftreten lässt, die oft nur situativ etwas miteinander zu tun haben. Jardy Snelling zum Beispiel widmet er ein ganzes Kapitel („Wild“). Eva war zeitweise mit Jardys Bruder Adam liiert, der mit Octavia zwei Kinder hat. Die ist wiederum sehr sauer auf Eva, und macht die Köchin für ihr eigenes verkrachtes Leben verantwortlich. Später kommt heraus, dass Octavia fremdgegangen ist und deshalb Adam verloren hat. Und außerdem hatte sie sogar die Chance bei Evas Geschäftsidee mitzumachen. Das Gourmet-Dinner-Event der Köchin boomt und wird ein Must-have von der Ost- zur Westküste. Pech für Octavia.

Aber im Kapitel „Wild“ liegt der Focus erstmal auf Jardy, den Autor Stradal als halt- und bindungslos durch eine Folge von Alltäglichkeiten schickt, die schwer und schicksalhaft wirken. Der Altenpflegerin Mandy kann er sich auch nach dem Tod seiner Mutter nicht anschließen. Und wieso wacht er blutverschmiert nach einer Party auf? Als er zur geplanten Jagd fährt, wird er sich eines Abschusses schuldig machen, der den jungen Mann disqualifiziert – white trash. Das Fleisch der Hirschkuh erhält Köchin Eva. Das Rehkitz bleibt allein zurück.

J. Ryan Stradal, der TV-Serien produziert und mit zahlreichen Kurzgeschichten Erfolg hatte, beschreibt seine Figuren oft von ihren Outfits her. Sie erscheinen schnell konturenstark, wie Will Prager, der die Absicht hat, sein „Ding“ zu machen. Er lernt Eva auf dem College kennen, als sich für beide ein Lebensweg abzeichnet – für jeden ein anderer. Während sie als Köchin arbeiten muss, da ihr Vater arbeitslos ist, bleibt Will Prager auf dem College zurück – mit seiner Musik. Um solche Wendepunkte geht es. Aber Stradal bereitet keine Happyends vor, sondern zeigt, wie risikoreich eine offene Gesellschaft ist.

Die Ereignisdichte in „Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens“ entwickelt einen Sog. Stradal setzt Musik („Im Radio lief Super Bon Bon von Soul Coughing“) assoziativ ein. Authentisch wirken seine Szenen, wenn Lolo McCaffrey, eine Freundin von Braque, einen „Clif Bar vors Mondgesicht“ hält – also einen Energieriegel. Oder wenn die Erstsemester einen Tisch für „Beer-Pong“ aufbauen – also ein Spiel mit Ping-Pong-Bällen. Stradal ist ganz in seiner Zeit.

Und die Küche? Die Kapitel „Zander“, „Golden Bantam“ und „Paprikamarmelade“ legen vieldeutige Bezüge zu Figuren, aber behandeln nicht die Esskultur. Es gibt Rezepte zur französischen Zwiebelsuppe oder Kuchenriegel. Und es gibt einen Kochwettbewerb und seine Kontrahenten, bei dem mit viel Witz belegt wird, wie verarbeitete Lebensmittel zur Trennkost einer Nation werden können. Das ist herrlich beobachtet. Vor allem der ironische Ton macht das Buch lesenswert.

Es gibt immer wieder intensive Momentaufnahmen. Als Evas leibliche Mutter in Australien bei einer Weinprobe von ihrer Tochter hört, deutet sich ein emotionales Finale an. Denn Cynthia hatte sich gegen ihre Familie entschieden, als Eva drei Monate alt war. 24 Jahre lang wusste die Köchin nichts davon. Und Stradal bleibt seiner Dramaturgie des Lebens treu, die komplexe Situationen nicht versimpelt.

J. Ryan Stradal: Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens. Roman. Aus dem Amerikanischen von Anna-Nina Kroll. Diogenes, Zürich. 422 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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