Kirill Petrenko und Bayerisches Staatsorchester eröffnen Konzerthaus-Saison in Dortmund

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Der Geiger Frank Peter Zimmermann und der Dirigent Kirill Petrenko mit dem Bayerischen Staatsorchester im Konzerthaus Dortmund.

Von Edda Breski

DORTMUND - An starbesetzten sinfonischen Abenden ist im Konzerthaus Dortmund vor der Sommerpause wahrlich kein Mangel gewesen. Zwei der großen Namen im Dirigentengeschäft sind häufig Gast im Hause: Yannick Nézet-Séguin, der Exklusivkünstler der vergangenen drei Jahre, und der neue Exklusivkünstler Andris Nelsons. Zur Saisoneröffnung folgte der nächste Schlager: Kirill Petrenko setzte mit seinem Bayerischen Staatsorchester die Parade der jungen Dirigierstars in Dortmund fort.

Eine Starfolge wie diese bietet Gelegenheit, nachzuhören, wie die Dirigentengeneration, die in jüngster Zeit nach den Spitzenjobs greift, Musik versteht, sie übermittelt, mit ihr begeistern will.

Der designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker fährt im Rauschtempo durch das Vorspiel zu Wagners „Meistersingern“. Er ist so zügig unterwegs, als wehre er allein durch seine Tempowahl jeden Weihrauchverdacht ab. Keine Phrase erhält eine Sonderbehandlung, kein Schwelgen ist erlaubt: nur ein Detailreichtum, der das Ohr überreizen könnte. Aber strukturiert, rasch, doch ohne Hetze führt Petrenko das Orchester, das ungeheuer farbsatt und seelenvoll aufspielen will, auf den Höhepunkt zu. Jedes Element ist an seinem Platz, jeder Baustein geprüft, jede Linie gespannt.

Bartoks 1. Violinkonzert ist ein wenig Kontrastprogramm. Frank Peter Zimmermann spielt es gefühlvoll, aber mit etwas zu viel Souveränität und Ebenmaß. Er beginnt das Stück, das der unglücklich verliebte Komponist der Geigerin Steffi Geyer widmete, mit einem goldigen, leicht hauchigen Intro, mit einer Nostalgie, in die noch zu viel Herzblut steckt, als dass sie ins Fotoalbum gehöre. Doch bleibt trotz Zimmermanns Umsicht, trotz Petrenkos kammermusikalischer Begleitung bis zum Finale des zweiten Satzes vieles an der Oberfläche; erst das quecksilbrige Stürmen dort löst das Versprechen eines persönlichen Zugangs zur Musik ein.

Für den Beifall dankt Zimmermann mit der Allemande aus Bachs Partita Nr. 2.

Die eigentliche Visitenkarte gibt Petrenko nach der Pause mit Tschaikowskys Fünfter ab. Er verbindet die Unmittelbarkeit der Ansprache und die scharfe Akzentuierung aus der russischen Spieltradition mit einem analytischeren Zugang: einer Skepsis, die musikalische Dramatik nicht als Überwältigungserfahrung, sondern als bewusstes Erleben präsentiert.

Der zweite Satz wurde von Tschaikowsky selbst als Reflexion über die Möglichkeit der persönlichen Erlösung durch Religion beschrieben. Petrenko stellt dafür ein ungeheures Bildertheater auf, mit dräuenden Orchestergebirgen, die plötzlich in die Schlucht einer Generalpause abstürzen. Das hat alttestamentarische Wucht und ist doch keine Überwältigungsmusik. Denn Petrenko hat den Satz mit einer fast heiteren Ergebenheit eröffnet, die versichert: Das, was jetzt kommt, ist längst gewusst und erlebt, ist nichts Neues oder Schreckendes mehr.

So zieht Petrenko in die Bekenntnismusik einen Boden der Aufgeklärtheit ein. Der dritte Satz mit seiner quicklebendigen Grazie verschafft eine Denkpause, bevor in der straffen Nervosität des vierten Satzes die Themen an geladenen Drähten tanzen, bis zum Thrillerfinale, in dem die Stimmgruppen kurz fast die Bodenhaftung verlieren. Petrenko fängt sie blitzschnell wieder ein.

Ein da capo gibt es: Die Ouvertüre zu Michael Glinkas Oper „Ruslan und Ludmila“ als feuriger Abschluss des Abends.

Quelle: wa.de

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