Die Sammlung Bührle gastiert in Köln: „Von Dürer bis van Gogh“

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Paul Gauguins Gemälde „Die Opfergabe“ (1902) kam aus Zürich an den Rhein.

KÖLN - Im fernen Tahiti verband Paul Gauguin 1902 persönliches Erleben mit Kunstgeschichte, als er „Die Opfergabe“ malte, eine stillende Mutter mit einer weiteren Frau. Gerade war seine uneheliche Tochter zur Welt gekommen. Doch sein Bild greift eins der wichtigsten Motive der christlichen Kunst auf, Maria und das Christus-Kind.

Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ist Gauguins Meisterwerk nun mit zwei mittelalterlichen Tafeln konfrontiert, eins davon ist die „Muttergottes mit der Nuss“ des Meisters des Bartholomäus-Altars (um 1485/90). So sehr sich die Gemälde unterscheiden, in Pinselführung, Aufbau, Farbgebung, so frappierend ähneln sie einander in der Verbindung von intimer Fürsorge und Spiritualität.

Der Gauguin ist eins von 33 Werken aus der Zürcher Sammlung Bührle, die in der Ausstellung „Von Dürer bis van Gogh“ auf 31 Spitzenstücke der eigenen Sammlung treffen. Dabei geht es nicht um eine mehr oder weniger zufällige Anhäufung von Bildern populärer Künstler. Die Schau zeigt vielmehr Parallelen auf zwischen den Kollektionen – und würdigt die Arbeit von Leopold Reidemeister, der von 1945 bis 1957 das Wallraf-Richartz-Museum leitete. Emil Georg Bührle (1890–1956), in Pforzheim geborener, Rüstungsindustrieller aus der Schweiz, teilte mit ihm viele künstlerische Vorlieben, trat zuweilen als finanziell deutlich potenterer Konkurrent auf dem Kunstmarkt auf. Aber als es Reidemeister 1956 gelang, Alfred Sisleys „Brücke von Hampton Court“ (1874) zu erwerben, da schrieb er Bührle stolz von seinem Coup und lud ihn ein, es in Köln anzuschauen und mit dem Sisley „Regatta in Hampton Court“ zu vergleichen. Die Bilder müssten „am selben Tage in einem Zuge gemalt“ sein. Nun sieht man das Paar wieder vereint. Offensichtlich hatte Reidemeister Recht, entstand das Brückenbild morgens, das Regattabild später, in wärmerem Mittagslicht und mit etwas nach rechts verschobenem Blickwinkel.

Die Sammlung Bührle gehört zu den wichtigsten Privatsammlungen europäischer Malerei. 1960 brachte die Familie ein Drittel der Sammlung in Zürich in eine Stiftung ein. Zur Zeit entsteht ein Anbau am Kunsthaus Zürich, wo die Werke als Dauerleihgabe ab 2020 gezeigt werden sollen. Ein Auslöser mag ein spektakulärer Kunstraub 2008 gewesen sein, bei dem vier Hauptwerke erbeutet wurden, darunter Cézannes „Knabe mit der roten Weste“ . Zwei Bilder wurden auf einem Parkplatz wiedergefunden, zwei weitere vier Jahre später in einer Polizeiaktion in Belgrad sichergestellt.

Bührles Sammlung war nicht unumstritten. Zum einen, weil sein Vermögen wesentlich in den 1930er Jahren wuchs, als seine Firma sozusagen als ausgelagerter Waffenschmied für Deutschland arbeitete. Dem Land war durch den Versailler Vertrag eigentlich die Aufrüstung verboten. Zum anderen stellte sich nach 1945 heraus, dass 13 Bilder in der Sammlung Raubkunst waren. Bührle gab die Werke zurück, und bei sieben Bildern gelang es ihm, sie den Erben erneut abzukaufen.

In Köln hat Kuratorin Barbara Schaefer nun in Themenräumen Paare und Bildgruppen aus den Sammlungen gebildet, die wunderbar korrespondieren und vielleicht ein wenig die bürgerlichen Vorlieben des frühen 20. Jahrhunderts spiegeln. Der gemalte Altar der Heiligen Sippe des anonymen Kölnischen Meisters (um 1503) trifft auf den geschnitzten Sippenaltar aus der Werkstatt Heinrich Weckmanns (um 1515).

Ein Bildpaar des Dordrechter Malers Aelbert Cuyp ist in der Ausstellung wiedervereint. Der Barockmeister schuf um 1645 ein Bild des Dordrechter Hafens bei Mondschein, eine wunderbar atmosphärische Nachtszene (heute in Köln), und das dramatische „Gewitter über Dordrecht“ (Sammlung Bührle). Nun eröffnet das Paar die hinreißende Schau.

Es ist eine Einladung zum Vergleichen, zum Hinschauen, ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Mal überbrücken die Bildpaare die Jahrhunderte, wenn zum Beispiel Dürers Gemälde „Pfeifer und Trommler“ (um 1503/5) aus Köln auf Georges Braques kubistischen „Violinspieler“ (1912) aus Zürich trifft – und man entdeckt in den Bildern doch ein verwandtes Streben, Bewegung im Raum einzufangen. Und Willem Claesz. Hedas „Stillleben mit Römer und Zitrone“ (1632) hängt neben Picassos „Blumenstillleben mit Zitronen“ (1941). Und dem prachtvollen Panorama des Canal Grande von Canaletto (um 1738/42) aus Zürich antwortet eine Vedute Bernardo Bellottos mit Blick in die entgegengesetzte Richtung (1741/43) aus Köln.

Dann wieder geht es nur darum, zwei Renoirs zu betrachten, „Ein Paar im Grünen“ (um 1868, Köln) und das Porträt Alfred Sisley (1864, Zürich). Oder drei Landschaftsbilder von Claude Monet, das Mohnblumenfeld bei Vétheuil“ (um 1879) und das „Mohnblumenfeld“ (1880), beide Zürich, und die „Frühlingsstimmung bei Vétheuil“ (1880). Und es wird offenbar, wie sehr da zwei Sammlungen auf den gleichen Pfaden zusammengetragen wurden.

Selbst ein weniger berühmter Maler wie Henri Fantin-Latour kommt mit seinen duftigen, prä-impressionistischen Blumen- und Früchtebildern zu neuer Wertschätzung.

Bis 29.1.2017,

di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 221 211 19

www.wallraf.museum

Katalog, Belser Verlag, Stuttgart, 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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