Sammlung der Fondation des Treilles im Picasso-Museum

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Victor Brauners Gemälde „Là-bas III“ (1949, Detail) ist in Münster ausgestellt.

Münster - Die Figur schreitet wie in einer Hieroglyphenmalerei oder in einem Maya-Papyrus. Ein Raubtier bildet eine Kopfbedeckung, die orangenen Haare enden in einem Fisch, und im gewölbten Bauch haust ein Vogel. Seltsam androgyn sieht die Tragende aus, die Victor Brauner im Gemälde „Là-bas III“ darstellte.

Zu sehen ist das Bild im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, in der Ausstellung „Von Arp bis Picasso – Die Sammlung der Fondation des Treilles“. Das Namensgeklingel im Ausstellungstitel ist wohl dem Umstand geschuldet, dass die in der Provence beheimatete Fondation des Treilles hierzulande praktisch unbekannt ist, ebenso wie ihre Gründerin Anne Gruner Schlumberger (1905–1993). Dabei verdienten die Institution wie die Sammlerin und Philanthropin mehr Ruhm. Die Tochter einer elsässischen Industriellenfamilie hatte auf der Domaine in Südfrankreich 1981 ihre Stiftung ins Leben gerufen, die Seminare ausrichtet, junge Wissenschaftler und Künstler fördert, alte landwirtschaftliche Techniken wie Bienenzucht und Olivenanbau pflegt. In die Öffentlichkeit wirkt die Fondation mit einer großen Bibliothek und der Kunstsammlung von rund 1000 Werken.

Anne Gruner Schlumberger wollte schon als junge Frau Künstlerin werden, sie pflegte Freundschaften mit dem Bildhauer Henri Laurens, mit Max Ernst und anderen. In ihrem Testament verfügte sie, dass ihre Schätze der Öffentlichkeit zugänglich sein sollten. Die Münsteraner Ausstellung stellt die Sammlung erstmals in Deutschland vor. Ein spannendes Erlebnis. Die Sammlerin erwarb Bilder nicht nach musealen Gesichtspunkten, sondern folgte ihren Vorlieben. So bietet die Schau eben keine repräsentative Übersicht, sondern Sondierungen in die Kunst des letzten Jahrhunderts, die zuweilen zufällig wirken, aber auch frische und unverbrauchte Bilder vorstellen.

Dabei bilden Werkgruppen einiger Künstler Schwerpunkte. Es beginnt mit den Nachfahren des Kubismus. Henri Laurens zum Beispiel ist mit Aquarellen, mit Collagen und Zeichnungen vertreten, ebenso Fernand Léger. Von Picasso findet man Drucke und Keramikarbeiten.

Victor Brauner (1903-1966), im rumänischen Piatra Neamt geboren, gehörte zu den weniger berühmten Surrealisten. 1948 wurde er von André Breton aus der surrealistischen Bewegung ausgeschlossen, elf Jahre später wieder aufgenommen. Seine Bilder in der Schau, die vor allem aus den 1950er Jahren stammen, entwickeln eine Zeichenhaftigkeit, die sich an Hieroglyphen ebenso orientiert wie an naiver Kunst. Eine Frauenfigur, umgeben von Sonne, Sternen, einer Pflanze, ist mit „Matriarchat“ (1947) betitelt. Eine Tafel heißt „Palast der Intelligenz“ (1956) und zeigt einen Kopf, der ganz in ein grobes Raster aus Rechtecken eingepasst wurde. „Schlafsubstanz“ (1959) zeigt ein organisches Gebilde, das aus Vogel- und Katzengestalten komponiert ist, einen Traumknubbel. Brauner schenkte der Sammlerin afrikanische Wurfmesser, was ihr Interesse an afrikanischer Kunst weckte, und so sind in Münster auch einige Masken ausgestellt.

Von Max Ernst wiederum ist ebenfalls ein größeres Konvolut an Gemälden, Frottagen und Grafikblättern zu sehen, viele davon aus den 1950er Jahren wie „Galapagos, die Inseln am Ende der Welt“ (1955) und das charmante Vexierbild „Für die Freunde von Alice“ (1957), bei dem der Künstler in einem Gestrüpp aus blauen Mustern Vögel, Katzen, Hasen und anderes Getier versteckte.

Von Jean Dubuffet werden zwei große, monochrom graue Tafeln aus dem Jahr 1958 gezeigt, in denen der Meister der Art Brut offenbar Sand und andere Materialien verarbeitet hat. Man denkt an Wandputz oder ein kleines Stück Straße, und der Bildtitel „Topografie, Landschaft mit Gewürzen“ bringt die Vorstellungskraft des Betrachters auf Touren. Den Kontrast dazu bieten zwei Gemälde des chilenischen Surrealisten Roberto Matta. Besonders das Bild „Das virile Meer“ (1957), das eigentlich völlig abstrakt einige weiße Lineaturen und mehrere leuchtende Farbfelder auf dunklem Grund zeigt, löst Assoziationen an Wassertiere aus, an transparente Quallen und Schwimmkrebse.

Nicht nur große Namen sind vertreten. Anne Gruner Schlumberger sammelte zum Beispiel auch griechische Künstler. Das hatte sich so ergeben, weil sie zehn Jahre lang in Griechenland lebte, und so kommen die fragilen Skulpturen von Vassilakis Takis und die monumentale Gouache „Turm“ von Yerassimos Sklavos in die Schau.

Bis 21.8., di so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 414 47 10,

www.picassomuseum.de,

Katalog 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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