s’Hertogenbosch zeigt die Meisterwerke von Hieronymus Bosch

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Unter den Augen Christi zeigt Hieronymus Bosch das Erdenleben als grausames Chaos: Das Triptychon „Das jüngste Gericht“ ist in der Werkschau in s’Hertogenbosch zu sehen.

s’Hertogenbosch - Die Welt brennt. Seltsame Mischwesen aus Mensch und Tier wuseln über die Erde. Die gespenstische Szenerie steckt voller Gewalt und Grausamkeit. Ein nackter Körper reitet auf der Schneide eines gigantischen Messers. Menschen sind enthauptet, von Pfeilen durchbohrt, werden verschlungen, müssen angeleint eine monströse Mühle antreiben.

So malt uns um 1500 Hieronymus Bosch das Jüngste Gericht aus. Das Triptychon aus dem Groeningemuseum in Brügge ist ein Panorama voller Einzelheiten, bevölkert mit Hunderten von Figuren. Und die Heerscharen von Engeln, Monstern, Dämonen, Liebenden, Verdammten treiben diesen Endzeitrummel an mit unaufhaltsamer Geschäftigkeit. Das Bild ist ausgeliehen, nicht in Belgien zu sehen, sondern in s’Hertogenbosch. Das Nordbrabants Museum zeigt eine Jahrhundertausstellung, eine veritable Retrospektive mit 17 der 24 bekannten Gemälde, mit 19 Zeichnungen. Für einige Wochen kehren die Bilder des Malers dorthin zurück, wo er um 1450 geboren wurde, wo er arbeitete und wo er 1516 starb.

Den 500. Todestag (am 9. August) feiert die Stadt in den südlichen Niederlanden mit einem Bosch-Jahr mit 100 Veranstaltungen. Man will dadurch den Einbruch der Tourismuszahlen in den letzten Jahren aufhalten. Rund 26 Millionen Euro fließen in das Gesamtprogramm. Ziel ist, 2016 eine Million Besucher zusätzlich nach Den Bosch zu holen.

Die Sensation am Programm aber ist diese Ausstellung. Sie bietet tatsächlich eine Übersicht über das Werk des spätmittelalterlichen Meisters. 2001 hatte die damalige Kulturhauptstadt Europas, Rotterdam, sich an einer Bosch-Schau versucht. Dort allerdings fehlten die wichtigsten Bilder, die großen Triptychen. Nun sind zumindest einige versammelt, allen voran der prachtvolle „Heuwagen“ aus dem Prado in Madrid. Dass aus den USA, aus den großen Häusern Europas wie dem Kunsthistorischen Museum Wien, den Staatlichen Museen Berlin, dem Louvre in Paris die ebenso kostbaren wie empfindlichen Tafeln entliehen wurden, ist ein großes Wunder. Denn in s’Hertogenbosch haben sie kein einziges Original des Meisters mehr, nichts Gleichwertiges, das sie als Gegengabe hätten anbieten können. So gaben sie Geld und Geist. Ein Dutzend der entliehenen Gemälde wurde restauriert. Alle wurden neu untersucht vom vor sechs Jahren gegründeten Bosch Research and Conservation Project. Bürgermeister Ton Rombouts nennt diese aufwendige und teure Arbeit die Pflege des eigenen kulturellen Erbes, auch wenn es heute in alle Welt zerstreut ist.

Die von Charles de Mooij, dem Direktor des Nordbrabants Museum, und Jos Koldeweij, Bosch-Experte und Kunsthistoriker aus Nimwegen, kuratierte Ausstellung bietet einige Neuigkeiten zum wichtigsten mittelalterlichen Künstler der Niederlande. Seine Bilder faszinieren immer noch weltweit, über seine Person weiß man aber wenig. Er stammt aus einer Malerfamilie, hieß ursprünglich van Aken, nannte sich aber nach seiner Heimatstadt. Beim eingangs erwähnten Weltgerichts-Altar aus Brügge zum Beispiel zweifelten Fachleute, ob er von Bosch selbst oder aus dessen Werkstatt stamme. Nach der Restaurierung und Untersuchung spricht nun alles für ein eigenhändiges Werk. Ein Gemälde, eine „Versuchung des Heiligen Antonius“, und eine Zeichnung wurden als „neue“ Werke des Meisters bestimmt.

Und bei einem Triptychon aus der Gallerie dell’Academia in Venedig half die Restaurierung, das Thema des Bildes eindeutig festzulegen. Die Heilige, die auf der Mitteltafel spektakulär ans Kreuz gebunden wird, ist Wilgefortis, eine Königstochter, die von ihrem Vater zu einer Zwangsehe bestimmt war. Sie betete zu Christus, der ihr einziger Gemahl sein sollte, und ihr wuchs ein Bart, was ihre Ehetauglichkeit stark minderte. Aus Wut ließ ihr Vater sie kreuzigen. Bosch hat den Bart so subtil angedeutet, dass er erst nach der Restaurierung richtig zu erkennen ist, als zarter Flaum. Aber es gab auch Verluste zu verzeichnen. So befanden die Experten, dass die „Versuchung des Heiligen Antonius“ aus dem Prado nicht von Bosch selbst stammt. Die stolzen Spanier waren nicht amüsiert über diese Einschätzung und zogen das ursprünglich zugesagte Bild aus der Ausstellung zurück.

Über Bosch wurde viel spekuliert, manche hielten ihn gar für einen Häretiker, weil er die Teufel und Dämonen so lustvoll und minuziös ausarbeitete. Tatsächlich verkehrte er in den besten Kreisen der Stadt, war wohl ein gläubiger Katholik, und seine vielfigurigen Szenen sind moralisierende Aufrufe, ein gottgefälliges Leben zu führen. Zugeklappt zeigt das „Heuwagen“-Triptychon einen Landstreicher, ein Gleichnis für den Christenmenschen, der wie ein Pilger in einer chaotischen Welt den richtigen Weg zum Heil suchen muss. Dem Heuwagen im Inneren folgt eine bunte Schar, angeführt von König und Papst. Alle versuchen sie, ihr Teil der leuchtenden Ladung zu erraffen. Doch das vermeintliche Gold entpuppt sich als leeres Stroh. Die vielfältig dargestellten Sünden werden gleich von Teufeln geahndet. Und es entspricht der hochmoralischen Warn- und Mahnsymbolik, dass die Prozession, angeführt von einer Geisterschar, vom Seitenflügel mit der Paradies-Darstellung wegführt zur rechten Tafel, die uns die Höllenqualen aufs Schrecklichste ausmalt.

Die Schau bietet rund 100 Exponate, wobei die Originale von Bosch flankiert werden mit Werkstatt- und Nachfolge-Stücken, mit Vergleichsbildern und ähnlichem Material, das aber nie in den Vordergrund drängt.

Boschs berühmtes Triptychon „Der Garten der irdischen Lüste“ ist nicht im Original zu sehen, wird aber durch alte, gute Kopien des linken Flügels und der Mitteltafel vertreten. Dezent platzierte Videoanimationen erhellen einige Ergebnisse, zeigen zum Beispiel den Stifter, den Bosch einst vor den meditierenden Johannes malte. Heute ist der Betende nicht zu sehen, er verschwand unter einem phantastischen Busch, mit dem wahrscheinlich der Künstler selbst noch die (vielleicht zu dominante?) Figur übermalte.

Ja, es ist voll. Direktor Charles de Mooij sagt, dass das Museum die maximale Besucherkapazität nicht ausgenutzt hat. 70 000 Menschen kamen in den ersten drei Wochen, 200 000 Karten sind schon verkauft.

Und doch kann man sich in die Bilder vertiefen, wie sie es verlangen, kann die kunstvollen Choreografien bewundern, in denen Bosch seine Figuren arrangierte, die fabelhafte Malerei, die noch die wildesten Erfindungen auf genaue Naturstudien zurückführt.

Die größte Werkschau aller Zeiten zu einem der berühmtesten Maler des Mittelalters:

Hieronymus Bosch. Visionen eines Genies im Nordbrabants Museum, s’Hertogenbosch.

Bis 8.5., tägl. 9 – 19 Uhr,

Tel. 0031/ 73/ 6877877, www.hnbm.nl

Der Katalog liegt auch auf Deutsch vor, Belser Verlag, Stuttgart, 24,95 Euro

Im Anschluss ist die Schau im Prado, Madrid, zu sehen: 31.5.– 11.9., www.museodelprado.es

Bosch-Jahr: www.bosch500.nl

Quelle: wa.de

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