Die Situation Kunst zeigt serielle Kunst von Albers bis Warhol

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Ein Film in winzigen Einzelbildern: Detail aus „kurz vor fünf/L“ (2007) des Künstlerduos m+m (Marc Weis und Martin De Mattia). Das Werk ist in der Bochumer Situation Kunst zu sehen.

BOCHUM - Von weitem erkennt man eine Art buntes Raster, mit dem die mehr als zwei Meter breite Tafel das Auge attackiert. Es wirkt wie ein Großbildfernseher mit schwer gestörtem Empfang. Wenn man aber näher tritt, sieht man, dass es der Film heil auf die Tafel geschafft hat. Allerdings sind in kleinen, flachen Zeilen 4290 Einzelbilder aufgereiht. Jedes ein Augenblick aus dem Film „kurz vor fünf/L“ (2007) des Künstlerteams M + M über eine junge Frau, die offenbar Golf spielt.

Das Prinzip der Serie ist in dieser Arbeit auf die Spitze getrieben: Durch das Format und die Fülle wird eine eigentlich ganz verständliche Erzählung zum abstrakten Bildmuster. Zu sehen ist das Werk in der Situation Kunst in Bochum. Das Haus ist Teil der Kunstsammlungen der Ruhr-Universität. Zum 50. Geburtstag der Hochschule steuert es eine Ausstellung bei: „gleich und gleich und gleich und anders“. Thema der Präsentation im Kubus sind Serialisierungen in der Kunst seit den 1960er Jahren. Und das stellt auch inhaltlich eine schöne Verbindung dar. Im Foyer ist eine Fotografie der Ruhr-Uni zu sehen, und die Aufreihung der Baukörper erscheint fast selbst wie ein serielles Kunstwerk.

Es gab um 1965 geradezu einen Boom von seriellen Kunstwerken, erläutert Silke von Berswordt-Wallrabe, die Vorsitzende der Stiftung Situation Kunst. Und das betraf die unterschiedlichsten Richtungen, von der Pop-Art bis zum Minimalismus. Man kann das auch als Ausdruck einer Demokratisierung ansehen: Künstler verzichteten auf eine zentrale Idee, die ein Bild beherrschte, und schufen stattdessen Serien oder gestalteten Bilder mit seriellen Elementen. Die Idee von Gleichheit wurde zum Gestaltungsprinzip. In der Schau, die durch Seminare am kunstgeschichtlichen Institut der Ruhr-Uni vorbereitet wurde, wird das nachvollziehbar. Zugleich kann man die Vielfalt entdecken, zu der das Prinzip führte.

Josef Albers malte tausende Bilder nach immer dem selben Bauplan: Drei oder vier monochrome, sich überlagernde Quadrate. Die Serie „Homage To The Square“, aus der drei Bilder (zwei von 1965) in der Schau hängen, verblüfft durch die Farbkombinationen, die sehr unterschiedliche Stimmungen erzeugen. Quadrate benutzt auch der niederländische Künstler Jan J. Schoonhoven in seinem weißen Bildrelief „R 73-2“ (1973), in dem ein Gitter auf der Bildfläche liegt und das Quadrat in 20 mal 20 kleine Quadrate unterteilt. Meditative Qualitäten haben die feinen Zeichnungen des südkoreanischen Künstlers Lee Ufan, der versucht, ein Blatt mit immer dem gleichen Hakenzeichen zu füllen, und jeder Strich fällt dann anders aus. Der italienische Künstler Mario Nigro setzt Reihen kurzer roter Linien auf sein Gemälde „Amare“ (1972). Jede davon ist in einem anderen Winkel geneigt, was zu einer tänzerischen, verspielten Rhythmisierung führt.

Die serielle Kunst reagierte auch auf die Industrialisierung. Peter Roehr fertigte 1965 Collagen aus Zeitschriftenanzeigen, in „FO-2“ (1965) zum Beispiel für Instant-Kaffee, und das moderne Massenprodukt wird zum signalhaften Muster. Eine andere Arbeit rastert die Fläche durch aufgeklebte, nicht ausgefüllte Preisetiketten. Vom Pop-Art-Altmeister Andy Warhol ist eine Serie zu sehen, die nicht sich auf die Warenwelt, sondern auf medial vermittelten Horror bezieht. Zehn unterschiedlich eingefärbte Siebdrucke variieren das Zeitungsbild eines elektrischen Stuhls, „Electric Chairs“ (1971).

Die dokumentarische Qualität serieller Kunst offenbart sich in den Fotoreihen von Bernd und Hilla Becher. Die vier Aufnahmen aus der Serie „Kalkwerk“ (1997) zeigen Konstruktionen mit Rohren, die sich wie abstrakte Skulpturen verschränken. Und das schon klassische Video „Hand Catching Lead“ (1968) des Bildhauers Richard Serra zeigt das Serielle in einer Aktion: Zu sehen ist Serras Hand,die versucht, Bleistücke aufzufangen.

Dass Serialität bis in die Gegenwart Künstler umtreibt, zeigen zum Beispiel Peter Drehers Gemälde des immer gleichen Wasserglases („Tag um Tag guter Tag“, 2007) und die verschlossen monochromen Tafeln von Katinka Pilscheur.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr, 6.9.–8.11., mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr, Tel. 0234/ 29 88 901, www.situation-kunst.de,

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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