Industriemuseum Lage thematisiert Auswanderung

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Der Auswandererdampfer ist ein Postkartenmotiv in der Ausstellung „Vom Streben nach Glück“ im Industriemuseum der Ziegelei in Lage.

Lage  - Die Truhe, die Hermine Siekmann nach Amerika begleitete, wirkt wie ein Tresor. Mit Metall sind Ecken und Kanten beschlagen. Lederriemen spannen sich um die Holzkiste. Dass diese robuste Auswanderungstruhe im Industriemuseum in Lage zu besichtigen ist, liegt auch daran, dass die junge Frau 1915 zurück kam.

Die Ausstellung „Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung von Westfalen nach Amerika“ sucht nicht nur den „Onkel aus Amerika“, sondern stellt vor allem persönliche Geschichten heraus – nicht immer erfolgreiche.

Hermine Siekmann war 1910 zu ihrem Onkel nach South Dakota aufgebrochen, um in seinem Hotel zu arbeiten. Ein Foto zeigt sie nach der Fasanenjagd mit dem „Chef“. Als ihre Mutter erkrankte, musste sie zurück nach Hause, blieb und heiratete. Ihre Ankunft 1915 in Rotterdam ist fotografiert worden, und die Informationen in der Schau unterstreichen, dass viele Familien aus der Region Lippe in den USA eine Perspektive fanden. Hermines Bruder leitete eine Molkerei in Virginia.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat zusammen mit der Arbeitsstelle für Deutsch-Amerikanische Bildungsgeschichte der Wilhelms-Universität Münster eine informative Schau konzipiert, die vor allem mit Ansichtstafeln arbeitet. 300 000 Menschen gingen vom Jahr 1800 bis 1914 von Westfalen in die USA. Vor allem in den nördlichen Staaten des mittleren Westens ließen sich viele Deutsche nieder.

Das Erbrecht war ein Grund, weshalb die Heimat für viele keine Zukunft bot. Nachgeborene waren in der Erbfolge ausgeschlossen. Der älteste oder jüngste bekam das ganze Land. Joseph Höppner beispielsweise ging 1880 im Streit. Der Familien-Kotten war zu klein. Er heiratete 1884 in New York. Sein Totenschein ist in der Ausstellung zu sehen und zu lesen, dass seine Nachfahren in New York, Illinois und Ohio leben. Bei seiner Mutter und seinem Bruder hatte er sich nach 1880 nie wieder gemeldet.

Wie hart die Landarbeit in Westfalen war, demonstrieren einige Ausstellungsstücke zur Flachs-Verarbeitung. Mit dem Riffelkamm entfernte man Samenkapseln vom Flachs. Auf dem Schärrbaum wurde die Kette für den Webstuhl angelegt (geschärt). Während Kleinbauern und Heuerlinge das grobe Garn produzierten und nach Herford, Minden und Bielefeld verkauften, produzierten Weber Tücher und Stoffe daraus. Allerdings sorgten die billigen Garne aus England für den Niedergang der Weber – nicht nur in Schlesien. Mit dem mechanischen Webstuhl fiel diese Heimarbeit aus. Erst die Köln-Mindener Eisenbahn, die Kohle nach Ostwestfalen brachte, ermöglichte eine Industrialisierung. Mechanische Spinnereien entstanden ab 1848.

Insgesamt sind rund 100 Exponate in Lage ausgestellt. Ein Schiffsmodell der „Deutschland“ zeigt, wie 1850 die Auswanderer im Zwischendeck untergebracht waren. Die Überfahrt war teuer, aber mit den Schnelldampfern auch kein großes Risiko mehr. Ein Film von 1903 zeigt, wie Auswanderer auf Ellis Island ankamen. Seit 1882 war die Insel vor New York für Einreisende verpflichtend. Wer krank und gebrechlich war, musste gleich wieder zurückfahren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert war New York an Philadelphia und Boston als beliebtester Einreise-Hafen vorbeigezogen. 1847 hatte die Stadt Einwanderungskommissare eingestellt, die Gastwirten, Geldwechslern, Landverkäufern und Stellenvermittlern auf die Finger klopften. Neuankömmlinge waren leicht auszunehmen.

Welche Spuren haben Westfalen in der neuen Welt hinterlassen? Eine Lohnliste vom Konservenfabrikanten Libby, Mc Neill, Libby führt 1911 viele deutsche Namen auf. Henry Schnull aus Hasberge bei Porta Westfalica war ein Macher in Indianapolis. Der Kaffee- und Getreidehändler baute eine Maschinenfabrik und eröffnete eine Bank, die heute noch als National Bank of Indianapolis existiert. William Edward Boeing, Sohn eines Einwanderers aus Hagen, gelang es sogar, einen Weltkonzern für Flugzeuge aufzubauen: Boing. Vor dem 1. Weltkrieg hatten acht Millionen Amerikaner deutsche Wurzeln.

Texas, Wisconsin, Kalifornien – die Ausstellung zeigt, wohin es die Westfalen zog. Eine Karte bildet deutsch-westfälische Stadtgründungen ab: Minden liegt ganz klar vor Münster, Paderborn und Olpe.

„Vom Streben nach Glück“ schließt Flucht und Vertreibung (1933–45) wie Auswanderung nach 1945 mit ein. Ein besseres Leben war das Hauptmotiv zu allen Zeiten.

Bis 25. 9.; di-so 10 – 18 Uhr; Begleitbuch 14,90 Euro;

Tel. 05232/94 900;

www.lwl.org/industriemuseum

Quelle: wa.de

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