Szczepan Twardochs großer Roman „Drach“

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Der Romancier Szczepan Twardoch

Am Anfang von Szczepan Twardochs Roman „Drach“ wird ein Schwein geschlachtet, mit einiger Verzögerung, weil der Metzger Golla besoffen ist und das Tier sich losreißt. Dabei entdeckt der achtjährige Josef Magnor den Geschmack von Woschtsuppe. Nicht weniger als das ganze Leben fasst der polnische Autor Szczepan Twardoch im Roman „Drach“ in den Blick, das ganze Zappeln, mit dem Kreaturen vergeblich dem Tod entkommen wollen.

Twardoch, 1979 geboren, hatte 2012 seinen Durchbruch mit dem Roman „Morphin“. „Drach“, 2014 erschienen, übertraf den Erfolg noch. Der Roman schildert über vier Generationen die Lebenswege einer Familie in Schlesien. Josef wird den Schlamm und die Panzerkanonen der Front in Flandern überleben, er wird heiraten und Vater und trotzdem nachts in die Kammer der höheren Tochter Caroline steigen, was böse endet, er tritt der POW bei, der polnischen Bürgerwehr in Oberschlesien. Am anderen Ende der Stammlinie steht Nikodem Gemander, so alt wie der Autor, ein gefeierter Architekt und Städteplaner und ein Frauenheld, der seine Tochter und seine krebskranke Frau für eine jüngere Geliebte verlassen hat.

Was dieses Buch zum Erlebnis macht, ist die Durchdringung von Form und Inhalt. Twardoch erzählt nicht linear, sondern formt aus oft kleinsten Momenten ein Erzählmosaik, in dem zeitlich oder räumlich auseinanderliegende Momente unmittelbar aufeinander folgen. Das führt zu einer paradoxen Formulierung: „Zur gleichen Zeit, nur dreiundneunzig Jahre früher, ist Ernst Magnor kaum ein Jahr alt und spielt mit dem Holzpferdchen.“ Ein poetischer Kunstgriff ermöglicht es Twardoch, eine Unmenge an Stoff extrem zu verdichten. Die Erde selbst erzählt hier, eine archaische Gottheit, die zwar alles bemerkt und spürt, aber nicht mitfühlt. Ein weiteres Paradox durchzieht den Roman und kennzeichnet die Gleichgültigkeit des Erzähler-Ichs, die ständige Beteuerung, dass etwas „wichtig“ sei, aber „keinerlei Bedeutung“ habe. Pindur, der „verrückte, verlumpte Alte“, der in seinen Spinnereien die Wahrheiten archaischer Religionen ausspricht, beschreibt es so: „Die Erde ist so ein großer Drach, dem kriechen mer über seinen Leib, und Stollen graben mer in seinen Leib, der die reene Sonne ist.“

In einem sich klerikalisierenden Land wie Polen mag die Leugnung von historischem Sinn, von Idealen, von Transzendenz dem Buch einen zusätzlichen Kick verleihen. Der „Drach“ ist gleichmütiger Zeuge noch der schrecklichsten Untaten. Aber auch, wenn man es nur als ästhetisches Mittel liest, ist diese Simultanschau auf ein Jahrhundert aufregend. Twardoch erzählt von jenem Schlesien, das immer umkämpft war und in dem sich Nachbarn zu Feinden wurden. Josef zieht als deutscher Soldat in den Ersten Weltkrieg, aber er fühlt keine Zugehörigkeit. „Polen ist mir arschegal, Voater“, sagt er. „Ich meen bloß, dass mer ferdern un die Deutschen wern reich davon.“ Dies Buch negiert nationale Ideale.

In diesem Roman lieben sich die Menschen und sie schlagen einander tot. Die Geschichte zieht über Schlesien hinweg, mal jagen deutsche Nationalisten einen jungen Polen und schlagen ihn tot. Mal vergewaltigt ein Kriegsinvalide eine Soldatenwitwe. Und gleichzeitig, aber anderswo reißt ein Rudel verwilderter Hunde ein Reh. Vom Kaiserreich bis in die Gegenwart, wo Nikodem einen dicken Geländewagen fährt und die Freuden bürgerlichen Wohlstands genießt, spannt sich der Bogen. Aber Glück gibt es in keiner dieser Gesellschaften, der „Drach“ stellt immer wieder fest: „Ich bin, und ihr werdet zu mir.“

Twardoch blickt nüchtern und nicht parteiisch auf die Geschichte. Während die Ortsnamen wechseln, sind mal die einen die Täter, mal die anderen, wird einmal der deutsche Offizier erschossen, weil er zur falschen Zeit durchs Fenster der Geliebten steigt, und dann wieder landet Ernst Magnors Bruder Alfred im Folterkeller der polnischen Geheimpolizei, weil er als Freiwilliger zur Wehrmacht ging. Twardoch bildet die Umstürze auch in der Sprache seiner Figuren ab, der Übersetzer Olaf Kühl gibt solche Passagen in schlesischem Dialekt wieder.

Eingeflochten in den Strom der politischen Taten und Untaten sind die persönlichen Dramen. Und wie Twardoch Staatsgeschäfte, Alltagsleben der kleinen Leute und noch die Wege eines Rehs im Forst ineinanderblendet zu einem existentiellen Panorama, das hat großes Format.

Szczepan Twardoch: Drach. Deutsch von Olaf Kühl. Verlag Rowohlt Berlin. 415 S., 22,95 Euro

Quelle: wa.de

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