Teodor Currentzis dirigiert Purcells „Indian Queen“

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Nadeshda Pavlova als Doña Isabel und Dirigent Teodor Currentzis im Konzerthaus Dortmund.

Dortmund  -   Er ist da, der Ton der Geige, er schwebt über den tieferen Streichern, und verklingt beinahe, aber doch ist er da. Das Hören wird zum Fassenwollen, wenn Teodor Currentzis mit seinem Musicaeterna-Orchester Henry Purcell spielt: ein Sog.

Der griechische Dirigent führt Purcells Oper „The Indian Queen“ (1695) seit drei Jahren in aller Welt auf, wird gefeiert mit dem Musicaeterna-Chor und -Orchester aus Perm. Am Sonntag gastierte die Produktion im Konzerthaus Dortmund. Die konzertante Version dieser „Indian Queen“ wird ohne Kostüme, Bühnenbild und Tanz gegeben, eher ein Oratorium.

Regisseur Peter Sellars hat aus 50 überlieferten Musik-Minuten eine dreistündige Semi-Opera arrangiert, ergänzt durch weitere Purcell-Stücke: geistliche Anthems, aber auch die Arie „Music for a while“ aus dem „Oedipus“. Sellars erzählt nicht mehr von einer Liebe in Zeiten des Kriegs zwischen Inkas und Atzteken. Stattdessen geht es ein paar Jahrhunderte später um die Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier. Zwischen den Musiknummern werden Auszügen aus einem Roman der nicaraguanischen Autorin Rosario Aguilar gesprochen (und deutsch übertitelt): Drei Zeuginnen für den Völkermord kommen zu Wort.

Doña Isabel, Ehefrau des spanischen Gouverneurs, wird von Nadeshda Pavlova mit vibratolos glühendem Sopran an den Rand des Wahnsinns gerückt: Sie wendet sich ab von Metzelei und Vergewaltigungen, beschwört die fremde Landschaft und ihre Einsamkeit: „O Solitude“. Die zweite Perspektive ist die der Indioprinzessin Teculihuatzin: Als Konkubine soll sie den Spanier Don Pedro de Alvarado (Jarrett Ott) ausspionieren, verliebt sich in ihn, bringt eine Tochter zur Welt, wird bald von ihm abgelegt. Johanna Winkel folgt den Arabesken ihrer Arien mit Innigkeit, wohlig reiben sich die Dissonanzen zwischen Sopran und Countertenor (Ray Chenez mit einem Hang zum Distonieren), ehe sie sich in heller Harmonie auflösen.

Ein großartiges Solistenensemble ist in Dortmund zu erleben – unter anderem mit Willard White als Mayapriester und dem Contertenor Christophe Dumaux als Inkagott Ixbalanqué –, das von Currentzis’ hypnotischem Purcell-Zauber ganz ergriffen ist. Wie ein Tänzer bewegt er sich vor dem Orchester, dirigiert direkt vor oder neben den Sängern.

Currentzis beatmet Purcells Anthems, Airs und Arien mit sanfter Strömung. Der Musicaeterna-Chor singt in balsamischer Klarheit, mit makelloser Präsenz und unerhöhten dynamischen Feinheiten. Currentzis’ Rubati und Pausen sind in dieser Perfektion überhaupt nicht dekorativ, sondern schlicht atemberaubend. Er erzeugt die Wucht des musikalischen Dramas mit Piani, gedehnten Tempi und samtener, runder Klanglichkeit. Umso lauter dröhnen die Sprechtexte (Maritxell Carrero), die auch schon mal mit Paukenschlägen unterlegt werden – Sellars’ Pasticchio lohnt vor allem wegen der Musik: wegen dieser endlosen Linien, die Currentzis spinnt, wegen dieser unerreichten Leichtigkeit des Klangs, seiner schwebenden Deutlichkeit.

Currentzis dirigiert im Konzerthaus am 15.1.2017 die Wiener Symphoniker (Tschaikowsky) und am 12. 3. Musicaeterna (Mozart, Beethoven). Tel. 0231/22696200

www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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