Theater Münster zeigt „Martinus Luther“

+
Mannsbilder am Theater Münster: Luther (Gerhard Mohr, links) und Student Pius (Daniel Rothaug).

Münster - Halbnackt liegt der junge Martin neben dem versengten Baum und schreit sich die Seele aus dem Leib nach seinem Vater. Gemeint ist natürlich Gott, der ihn aus den Seelenqualen retten soll. Das grandiose Bühnenstück „Martinus Luther – Anfang und Ende eines Mythos“ von John von Düffel am Theater Münster zeigt den Weg Luthers vom leidenschaftlichen jungen Zweifler zum alten, verbitterten Hassprediger.

Am 31. Oktober ist es 499 Jahre her, dass Luther in Wittenberg seine 95 Thesen gegen den päpstlichen Ablasshandel veröffentlichte. Bis zum 500. Jahrestag widmen sich Tausende Veranstaltungen dem ehemaligen Bettelmönch, der den Papst herausforderte, mit seiner Reformation das Christentum konservierte und trotz antisemitischer Gesinnung bis heute zu einem nationalen Mythos verklärt wird.

Daniel Rothaug ringt als junger Martin mit allem: Weder will er heiraten noch dem Wunsch des Vaters folgen, der eine akademische Karriere für ihn vorsieht, er zweifelt an der Kirche, und schließlich führen ihn noch Teufel und Fleischeslust in Versuchung. Doch gegen sämtliche Widerstände hält er an dem Gelübde fest, das er während eines Gewitters bei Stotternheim in Todesangst abgelegt hat, als er die Heilige Anna um Hilfe anflehte. Er muss Mönch werden.

Max Claessen inszeniert die Uraufführung des provokanten Stücks mit bombastischer Dramatik. Martin schleudert sich dem machtvoll erscheinenden Vater (Gerhard Mohr) vor die Füße, wirft verzweifelt das Schreibpult um, stößt die ihn umgarnende Frau (Ulrike Knobloch) von sich und entblößt den Hintern. Doch mit seinem Trotz kommt er nicht überall durch. Geschlagen und vergewaltigt stopft man ihm zuletzt noch das Symbol der Sünde, den roten Apfel, in den Hals. Dazu gibt der in Kutten gehüllte Chor (Leitung Jurij G. Berges-Maas) düster-drohende Kirchenchoräle.

Das ist roh und eindringlich, und so kommt Johann Tetzel (Ulrike Knobloch) als aufgekratzter Entertainer gerade recht, um das Publikum aus der Schockstarre zu holen. Mit dem Klingelbeutel tingelt er durch die Saalreihen. Wetten, dass Sie sich besser fühlen, wenn Sie spenden? Und inzwischen hat sich auch Luther gefangen. Er widmet sich dem Schreiben, die Seelenqualen scheinen überwunden.

Nach der Pause steht auf der Bühne (Gestaltung Mirjam Benkner) eine enge Holzstube. Katharina von Bora (wieder Ulrike Knobloch) hackt Holz. Ihr Mann (Gerhard Mohr) ist zum langhaarigen Säufer geworden, der in Feinrippunterhemd und Pantoffeln neben Fürzen wirre Hasstiraden von sich gibt. Der Student Pius (Daniel Rothaug) kommt auf dem Fahrrad, um um die Hand der Tochter anzuhalten. Als Halbjude sind seine Chancen denkbar schlecht.

Nun in die kleinbürgerliche Gegenwart versetzt, wandelt sich das Stück fast zur Boulevard-Komödie. Die jetzt deutschsprachigen Kirchenlieder klingen wie Hohn und man schwankt zwischen Ekel und Lachen, etwa wenn der senile Luther den jungen Mann auffordert, mit ihm zu „saufen wie ein Deutscher“. Wenn er über Juden und Türken wettert, während Katharina ihm Pillen rüber schiebt und die Bierdosen nicht herausrücken will. Luthers Demontage ist eindrucksvoll vollendet, als man ihm ein Schild mit „Warum rülpset und furzet ihr nicht?“ über den Wanst hängt und ihn von der Bühne in den Himmel bugsiert. Das Premierenpublikum ist begeistert.

Marion Gay

29. 9., 11., 21., 29. 10., 30. 11., 2., 16. 12.; Tel. 0251/ 59090; www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

Kommentare