Thomas Grandoch inszeniert Wagners „Fliegenden Holländer“ in Bottrop

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Bastiaan Everink in der Titelrolle des „Fliegenden Holländers“ auf der Abraumhalde Haniel.

BOTTROP - Zwei Riesentanker sind auf der Bergehalde Haniel aufgetaucht. Einheitlich blau der eine, piratenhaft bunt der andere. Die Containerbauten wurden extra für die Produktion des „Fliegenden Holländers“ auf die Bottroper Halde geschafft.

Zum zweiten Mal nach 2010 lässt die Stadt Bottrop über der letzten aktiven Zeche im Ruhrgebiet eine Oper spielen, ein großes, verdienstvolles Projekt für die Stadt, die kein eigenes Theater hat. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 war es Verdis „Aida“, nun ist es Wagners Schauer- und Geisteroper. Im Amphitheater versinken die Zuschauer fast zwischen den Container-Aufbauten, die Dalands einheitliche Welt und des Holländers unruhige Existenz verdeutlichen sollen.

Hier spielt die Kulisse eine Hauptrolle. Das Publikum wird für das Spektakel in Bussen heraufgefahren, die Oper wird für eine Verpflegungspause unterbrochen, und von oben, wo die Haldenkunst steht, blicken Mountainbiker auf die Vorstellung herab. Ein Event.

Regisseur Thomas Grandoch hat auch das Bühnenbild entworfen. Er war schon für die „Aida“ 2010 verantwortlich. Den „Holländer“ will er laut Programmheft konsumkritisch anlegen. Leider geht seine Intention unter. Er veralbert Dalands Welt: Der Norweger steckt in einem dickenshaften Frack mit Ofenrohrhut. Die Frauen müssen in voluminösen Trash-Tütüs, mit Quietscheenten und Plastikgirlanden im Haar herumlaufen; da hätte sich attraktivere und vor allem vorteilhaftere Kleidung finden lassen (Kostüm und Maske: José Eduardo Luna).

Besser hätte Grandoch, vor allem vor dieser Kulisse, mehr Show gemacht. Der Holländer-Monolog wird aufgepeppt durch eine Feuerfontäne, die einem in der Arena die Wangen warm werden lässt. Sänger Bastiaan Everink unterstreicht den Todeswunsch des Holländers, indem er sich aus einem Kanister mit Flüssigkeit übergießt und einen Bengalo zündet. Als er mit Daland (Michael Tews) um die Hand Sentas schachert, öffnet er die Türen seines Container-Schiffs und zeigt Luxusmarken, darunter ein ganzes Auto samt Präsentierdame. Der clownshafte Steuermann (Christian Sturm) kippt Tequila und wirft Geschenktüten unter den Chor der Seeleute, der wie eine Gruppe Hein Blöds herbeigeeilt kommt. Das ist unterhaltsam! Auch die Fluch-der-Karibik-Ausstattung des Holländers und seiner Geistercrew ist durchaus ein Hingucker.

Verloren geht, dass Grandoch eigentlich die Geschichte als Leidensweg Sentas erzählen möchte. Tänzerinnen einer Bottroper Ballettschule begleiten als Konsumzombies in Mangakostümen die Ouvertüre. Eine bleibt: Sie spielt Sentas inneres Kind, das sich nach Befreiung sehnt. Gelungen ist der Schluss: Senta begeht mit der Pistole des Holländers Selbstmord, doch geschossen wird von unten: Daland, Erik (Lars Rühl, als Bergmann kostümiert) und Frau Mary (Almuth Herbst) eliminieren die Abweichlerin. Auf dem Haldenkamm, zwischen den charakteristischen bunten Bahnschwellen tanzt erlöst Sentas Double. Ein starkes Bild.

Für die Musiker sind die Rahmenbedingungen schwierig. Die Neue Philharmonie Westfalen unter Valtteri Rauhalammi musiziert aus einer abgeschlossenen Bühne heraus, der Sound wird übertragen. Rauhalammi arbeitet trotzdem an einer transparenten, ausdrucksstarken Interpretation, muss das Orchester aber den Sängern zuliebe immer wieder dämpfen. Besonders im Zusammenspiel mit dem Männerchor – beide Ensembles rekrutieren sich aus Bottroper Laienformationen – eilt er schon mal davon. Deutliche Probleme gibt es mit der Tonsteuerung, mal kommt Sentas Stimme prominent aus einem Lautsprecher, dann wandert sie wieder weg. Everink versucht einen lyrischen, liebessehnsüchtigen Holländer, Elisabeth Otzisk ringt ihrer Senta Schmelz ab.

2., 3., 5., 6., 8., 9. Juni, Tel. 02041/703 308, www.bottrop.de

Quelle: wa.de

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