Tilman Rammstedts Roman „Morgen mehr“

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Erfinder skurriler Episoden in „Morgen mehr“: Der Schriftsteller Tilman Rammstedt.

Der Ich-Erzähler trägt gleich am Anfang ganz schön dick auf: „Ich weiß ja schon alles.“ Dann zählt er auf, ganz schön viel für ein Leben, und so poetische Dinge sind darunter wie: „Ich weiß, wie wenig ein Meer tröstet und wie sich fremde Haut anfühlt, wenn sie nicht mehr fremd ist.“ Aber dann kommt ein Einschnitt, und der Ich-Erzähler hat ein Problem: „Ich bin noch nicht geboren.“

67 Kapitel hat Tilman Rammstedts Roman „Morgen mehr“, plus ein „Schaltkapitel“ auf dem hinteren Vorsatzpapier. Und jedes davon endet mit einem Cliffhanger, einer Verblüffung, einer Pointe. Denn das Buch des 1975 in Bielefeld geborenen Autors ist als Fortsetzungsroman entstanden, Tag für Tag kapitelweise veröffentlicht im Internet für Abonnenten. Nun liegt es, etwas überarbeitet und aufpoliert, gedruckt vor. Und die Spontaneität und Frische, die Rammstedt unter dem Zeitdruck entfaltete, hat es sich bewahrt. Es ist eine Schussfahrt ins Ungewisse, eine Hommage an die Erzähltradition, von 1001 Nacht über Lawrence Sternes „Tristram Shandy“ (dessen Erzähler ebenfalls als Ungeborener beginnt) bis zum französischen Kolportagekönig Alexandre Dumas. Selbst der „Kleine Prinz“ klingt an, wenn Dimitri sich auf einmal für den Vater, der seine Versenkung im Fluss überlebt, verantwortlich fühlt.

Das „Ich“ hat am diesem 30. Juni 1972 die Aufgabe, binnen 24 Stunden seine Eltern zusammenzubringen, so dass sie es zeugen und er folglich ins Leben treten kann. Wobei sein Vater gerade bei Offenbach am Rhein steht, die Füße in einem Eimer mit Zement, der gerade trocknet, als Opfer eines Gangsters namens Dimitri. Und seine Mutter liegt in Marseille in einem Bett, im Begriff, sich von einem charmanten Franzosen namens Jean-Baptiste Drieu de la Chapelle schwängern zu lassen. Jean-Baptiste de la Chapelle hieß einer der französischen Enzyklopädisten, Pierre Drieu de la Rochelle war ein französischer Autor des frühen 20. Jahrhunderts, der mit den Faschisten sympathisierte. Rammstedt baut immer auch kleine Rätselspiele in seinen Text ein.

Der Roman mündet in eine Mischung aus Roadmovie, Krimi-Schmöker und Märchen, bei dem sich die Verbrecher (neben Dimitri noch drei Pelzmantelträger namens Hendel) als Seelen von Menschen entpuppen, mit einer zickigen Claudia, einem dicken Big Boss im Schlafanzug namens Dr. Rolf, einem frühreifen zwölfjährigen Jungen mit Rucksack und Notizbuch, einem verirrten Schaf, René und Claude aus dem Internationalen Büro für Maß und Gewicht sowie einigen weiteren bizarren Figuren, darunter ein sprechender Gummihammer und die Traurigkeit. Der Leser bekommt mehrfach aufgelistet, „Was wir bislang wissen“ und „Was wir noch nicht wissen“. Die Mutter in spe trauert um ihre Schwester Eva und versucht, deren lange Liste mit Dingen, die man im Leben getan haben sollte, abzuarbeiten. Man erfährt, dass in jener Zeit die Frankfurter Unterwelt „ziemlich arbeitnehmerfreundlich gestaltet war“. „Es gab Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, es gab kostenlose Kinderbetreuung, es gab Wandertage und einen Kummerkasten für die Vorschläge und Beschwerden der Mitarbeiter.“ Man bekommt das Rezept für einen guten Plan, der mit „Erstens“ anfangen muss und niemals ein „Viertens“ haben darf, „Bis ,Viertens‘ kann keiner planen“. Und es gibt einfach wunderschöne Formulierungen wie „Der Himmel über Paris war schon ganz wundgeschaut.“

Das mag jetzt nicht ganz so präzise gebaut sein wie ein ordentlicher Roman sonst. Aber die Freude am hemmungslosen, witzigen Fabulieren überträgt sich auf jeder Seite.

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Hanser Verlag, München. 224 S., 20 Euro

Quelle: wa.de

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