Unterhaltsame Vorschau unseres Kulturredakteurs Ralf Stiftel

Jallertrinen und Rockerchen: Tops und Flops beim ESC 2016

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Der Russe Sergey Lazarev zählt zu den Favoriten – mit einer imposanten Videowand soll´s was werden mit dem Sieg...

Stockholm - Schweden schickt sich an, den Eurovision Song Contest zu übernehmen. Nicht nur, weil die 61. Ausgabe in Stockholm ausgetragen wird. Sondern auch, weil der Liederexport sich zur führenden Wirtschaftsbranche des Landes entwickelt.

Man braucht im Jahr ja bloß einen Hit – und hat so viele Kompositionen übrig. Die verhökert man an immer mehr Teilnehmerländer. Wundert es Sie noch, dass sich der ESC immer gleicher anhört?

Als Orientierungshilfe für einen langen Abend hier wieder die 26 Titel der Endrunde im Schnelldurchlauf:

1. Für Belgien  eröffnet Laura Tesoro  den Abend mit knackigem Funk. Das Bassriff von „What’s The Pressure“ zitiert ziemlich dreist einen Klassiker des Hip-Hop, „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang (aber schon der war geklaut, bei Chic). Original ist die gute Laune und die Energie der 19-jährigen Flämin. Zu schade, dass diese Nummer gleich am Anfang verheizt wird.

2. Am Ende dieses Trauerspiels hat es auch der letzte Zuhörer verstanden. „I Stand“, Gabriela Guncikova  steht für die Tschechische Republik, als wäre sie auf die Bühne genagelt. Da stimmen Lied und Handlung völlig überein. Das Lutherische Pathos dieser Schlager-Drama-Queen erdrückt freilich die banale Schweden-Ballade.

3. Ich höre Gitarre, Klavier, Harmoniegesang. Der Flammenwerfer bleibt kalt, die Uhr tickt rückwärts. Douwe Bob  plädiert für Entschleunigung mit entspanntem Country-Rock. „Slow Down“ zeigt, dass es noch Länder gibt, die auf ein Lied setzen und nicht auf Effekte. Zum Beispiel die Niederlande.

4. Man sieht beim Auftritt von Samra Rahimli, dass Aserbaidschan ein Ölförderland ist. Für die flammende Bühnenshow verheizen sie den Tages-Energiebedarf von Baku. Müssen sie auch, sonst frören die Tänzer in den Trikots römischer Football-Gladiatoren bitterlich. „Miracle“ ist ein liebloses Fließbandprodukt schwedischer Routiniers. 5. Erst schottet sich Ungarn mit einer Mauer vor den Flüchtlingen der Welt ab. Und dann rät Freddie mit rauer Schmusestimme denen, die davonlaufen wollen, doch besser zu bleiben, wo sie geboren sind, und „Pioneer“ zu werden. Dazu schlägt ein Stolaträger eine Galeerentrommel, und drei Backgroundsänger pfeifen drauf. Verlogener Bombast, getarnt als Weltumarmungshymne.

6. So jung und schon so traurig: Francesca Michielin  bringt für Italien  drei Minuten, die ans Herz gehen. „No Degree Of Separation“ handelt eigentlich von unzerbrechlicher Liebe. Aber es klingt wie der Abschied für immer vom ersten Freund.

7. Hovi Star  ist von „Made Of Stars“ so ergriffen, dass das Wasser in seine Augen schießt. Das Leben ist düster für einen Gruftie in Israel. Rings um einen kreist das süße Leben wie die seltsamen Rhönrad-Turner, die unmotiviert im Hintergrund kreiseln. Aber am Ende fällt ein Funkenregen wie bei jedem zweiten ESC-Song.

8. Den Tüv hat Poli Genova  mit ihrer luftigen Leuchtrüstung problemlos bewältigt. Nun überrollt die Walküre für Bulgarien  die Bühne mit „If Love Was A Crime“, einer Hymne auf die Liebe, an der ein Schwede mitgeschraubt hat.

9. Die Heimat der Hits kann es auch ohne Effektgewitter. Frans  trällert für Gastgeber Schweden  „If I Were Sorry“, mit einer Stimme, die man sich merkt, und sympathisch unangestrengt. Wenn das jetzt noch ein bisschen einprägsamer wäre…

10. Je mehr aufgebrezelte Jallertrinen man hinter sich bringt, desto mehr wächst einem Jamie-Lee  ans Herz, die mit „Ghost“ startet. In dieser Gesellschaft wirkt das Mädchen mit den Kuscheltier-Hüten unschuldig und natürlich. Und im Vergleich zu 2015 kann sich Deutschland  nur verbessern.

11. Er sieht verdammt gut aus, hat eine solide Ausbildung als Zahnarzt, und er kann auch noch singen. Frankreich  schickt mit Amir  einen Botschafter der guten Laune, „J’ai cherché“ hat zwar einen französischen Titel, aber der Text ist auf Englisch, und spätestens beim Refrain summen alle mit.

12. Nein, der langhaarige Zirkusdirektorenanzugträger, der sich mit einem Procol-Harum-Remake abquält, ist nicht Captain Jack Sparrow, auch wenn der Fluch der Karibik ziemlich heftig ins Ohr sticht. Hier tritt Michal Szpak  für Polen  an mit „Colour Of Your Life“.

13. Australien  schleicht sich in den ESC, weil sie down under verrückt sind nach der Show. Und Dami Im  zeigt, wie Integration einen Kontinent bereichern kann: „Sound Of Silence“ ist zwar ein Schmachtfetzen sondergleichen und alles andere als still. Aber singen kann sie.

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14. Die Käfige sollen Minus One  aus Zypern  ein bisschen gefährlich aussehen lassen. Aber die Rockerchen tun nichts, die woll´n nur spielen: „Alter Ego“ ist mit Stroboskoplicht, Stromgitarre und Wolfsgeheul einfach die Baumarktversion der Scorpions.

15. Da muss der bärtige Macho, der versucht, Sanja Vucic  zu begrapschen, schon eher aufpassen. Die Sängerin aus Serbien  macht sich stark für alle Frauen, die Gewalt erlitten. Die Ballade „Goodbye“ kommt schwer pathetisch daher, ist aber ein eindringliches Stück Frauenpower.

16. Der niedliche Sakkoträger Donny Montell  aus Litauen  hingegen macht Mädchen schwach. Sich hinzustellen und an der Grenze zum Stimmbruch zu barmen „I’ve Been Waiting For This Night“ (made in Sweden), ist beim Anbaggern schon ein Alleinstellungsmerkmal. Und für den eingesprungenen Abschlusssalto gibt’s Extra-Haltungspunkte.

17. Wer in Kroatien  hat sich bloß ausgedacht, die zierliche Nina Kraljic  in einem durchsichtigen Viermannzelt auf die Bühne zu stellen? Dann reißen ihr die Tänzer die obere Hülle ab, aber das monströse Glitzerkleid darunter erlaubt ihr trotzdem keinen Schritt. So windet sie sich ums Mikro und säuselt nach einer altkroatischen Sage elfenhaft vom „Lighthouse“, mit traditionellen Instrumenten wie Dudelsack und Computertrommel.

18. Kaum hatte Putins ESC-Beauftragter 2015 den schwedischen Siegersong gesehen, wusste er: Für einen Triumph braucht Russland  eine Videowand. Die Armee unterbrach die Entwicklung der neuen Luftabwehrrakete und entwarf für Sergey Lazarev  Wahnsinnseffekte. Der russische Superstar scheint zu schweben, hüpft von Komet zu Komet. Selten wurde so viel Aufwand getrieben für solch ein musikalisches Nichts: „You Are The Only One“.

19. Ich weiß ja nicht, was Barei  morgens in den Cafe con leche wirft. Aber es bringt die Sängerin aus Spanien  dermaßen auf Touren, dass man ihrer Aufgekratztheit kaum widerstehen kann. Angeblich will Seat sich die Rechte sichern: Mit „Say Yay!“ in Dauerschleife können sie das Tempo am Fließband verdoppeln.

20. Bumm-bu-di-bumm. Man kann nicht sagen, dass sich Justs  keine Mühe gibt bei „Heartbeat“. Wenn er sich in die nächste Zeile des Songs für Lettland  reinkrümmt, als ginge es um die Welt, macht man sich richtig Sorgen. Hoffentlich kriegt er keinen Herzkasper. Das ist so ein kaltes Technodings einfach nicht wert.

21. Vor einem Jahr gab es einen peinlichen Politsong über den Völkermord an den Armeniern. Die Ukraine  macht es diesmal besser. Jamala  blamiert sich nicht mit „1944“. Die Krimtartarin baut Ethno-Gesangselemente ein, und die Wut über das, was ihre Vorfahren unter Stalin erlitten, überstrahlt sogar die pompöse Kitsch-Lightshow.

22. Die üppigen Formen verraten es: Ira Losco  ist im vierten Monat schwanger. Darum beschränkt sie sich darauf, für Malta  nach Kräften „Walk On Water“ (aus schwedischer Produktion) zu intonieren, während ihr hyperaktiver Knecht um sie herumhüpft, dass man eigentlich ganz kirre werden müsste. Hoffentlich ist er nicht in Wahrheit Rumpelstilzchen!

23. Das Schlagzeug scheppert, der Bass bollert, die Gitarre grummelt. Die Young Georgian Lolitaz  versuchen mit „Midnight Gold“ für Georgien  zu rocken. Den Kameramann haben sie unter Doppelkorn gesetzt, so dass der zwischendurch doppelt und vierfach sieht. Stromgitarrenkrach vom Kaukasus, laut, grell und langweilig.

24. Die Fee in Rosa kommt tatsächlich aus Österreich, auch wenn sie auf Französisch von jenem Wunderland „Loin d’ici“ (weit von hier) träumt. Zoe  hebt sich mit ihrem beschwingten Chanson angenehm von der Massenware ab.

25. Ob Großbritannien  in der Europäischen Union bleibt, entscheidet sich erst in einigen Wochen. Der ESC-Beitrag des Milchbubenduos Joe and Jake  lässt den Brexit fast als sicher erscheinen. „You’re Not Alone“ ist einfach nur lustloses Trallala.

26. Wenn sich der Kunstnebel lichtet, erkennt man die größten Vorzüge von Iveta Mukuchyan, die der Netzbody praktisch nicht verhüllt. Sie beugt sich vor, sie dreht sich nach rechts, nach links, und auch der Kameramann fährt ausgiebig über Kurven, und dann vervielfacht sie sich per Hologramm auf offener Bühne. Achja, es gibt auch noch ein Lied für Armenien, „Love Wave“, von dem man sich eigentlich nur das „Uhuhuhu“ merkt.

Quelle: wa.de

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