Das Trio von Michael Wollny im Konzerthaus

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Begeistert mit romantisch durchtränkten Klängen im Konzerthaus Dortmund: Jazzpianist Michael Wollny.

Dortmund  - Die Bassdrum knallt in die Stille. Ein Schlag auf die Snare folgt. Langsam entfaltet sich die Musik, und doch steckt in diesen „Nachtfahrten“ große Spannung. Michael Wollny nimmt sich Zeit für jeden Ton am Piano, diese kleinen Triller, diese Erkundungen am Rande der Tonspanne seines Instruments. Und immer wieder Pausen, als müssten die drei Musiker auf der Bühne ihre Kräfte bündeln.

Der 37-jährige Pianist, der in Leipzig eine Professur hat, stellte am Samstag im Konzerthaus Dortmund sein aktuelles Album „Nachtfahrten“ vor. Der intensive Auftritt war weit mehr als nur ein Promotiontermin.

Der aktuell wohl angesagteste Jazzpianist Deutschlands bot Programmmusik vom Feinsten, einen Abend voller gedeckter, dezenter Töne, „Nocturnes“, in geschmackvoller Verpackung. Dazu gehört ein Bühnenaufbau in einem Halbkreis kleiner Scheinwerfer, die eine Andeutung von Lightshow ermöglichten, indem die Musiker gelegentlich in dunkles Blau getaucht waren. Zunächst griff der Pianist auch zum Mikrophon für kurze unprätentiöse Ansagen.

Den Auftakt bestritt Wollny solo. Es folgte im Duo mit seinem langjährigen Partner Eric Schaefer am Schlagzeug „Arsène Somnambule“, eine Nummer von Wollnys erster Formation em. Dann bat Wollny den dritten Mann auf die Bühne, den Schweizer Bassisten Christian Weber.

Das Album „Nachtfahrten“ (Act Music) bietet ein tief romantisches Programm. Da heißen Stücke „Nachtmahr“, als illustrierten sie eine Schauergeschichte von Hauff, oder gleich „Metzengerstein“ nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe. Das Stück „Der Wanderer“ stammt von Wollny, atmet aber durchaus die Melancholie von Schubert.

Auch live bestimmt die gebrochene Atmosphäre, das Spukige, Fragende, Verhaltene die Musik. Über weite Strecken fehlen die Qualitäten, die herkömmliche Jazzkonzerte ausmachen: rhythmische Stringenz, Swing, emotionale Direktheit. Wollny und seine Mitstreiter lauschen in die Klänge hinein, konzertieren kammermusikalisch, orientieren sich am Groove des Rock. Die zeitenthobene Schönheit des aktuellen Albums macht auch aus, dass es weniger freie Improvisation gibt, weniger von der explosiven Dynamik von Stücken wie „Gorilla Bisquits“, einer Komposition von Schaefer aus em-Zeiten, die dem Auftritt im Konzerthaus zusätzliche Spannung verleiht. Da waren wieder die Klaviercluster, die knalligen Drum-Ausbrüche.

Die „Nachtfahrten“ hingegen sind von überraschend vielen tonalen Kompositionen bestimmt wie dem Walzer „Ellen“ mit seinen vom Blues angehauchten Piano-Harmonien. Hier übernimmt dann der kongeniale Bassist Weber auch die Melodieführung. Und ähnlich süffig, wie einen Standard aus dem Real Book, interpretiert das Trio die schöne Ballade „Little Person“ des US-Popsängers Jon Brion. Kein Wunder, dass das Publikum im fast ausverkauften Konzerthaus begeistert mitgeht. Die Zuhörer lassen sich auf die komplexeren, klangverliebten Improvisationen ebenso ein wie auf das eingängige Material. Die introvertierten Stücken lassen sie sekundenlang ausklingen, aber der Beifall ist immer überwältigend. Zwei Stunden mitreißende Musik, großer Applaus, zwei Zugaben.

Quelle: wa.de

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