Ulrich Peters inszeniert „Hoffmanns Erzählungen“ in Münster

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Hoffmann (Adrian Xhema) mit Studenten und der Muse (Lisa Wedekind) in der Münsteraner Offenbach-Inszenierung.

Von Elisabeth Elling Münster - Die „Barcarole“ schaukelt sanft, die Koloraturen der Olympia kullern zuverlässig wie vom Stimmfließband, und Hoffmann absolviert mit lyrischer Naivität eine verfehlte Liebesgeschichte nach der anderen – Jacques Offenbachs Musik lässt sich in Münster gediegen genießen. Orchester und Ensemble glänzen mit „Hoffmanns Erzählungen“, die Inszenierung von Intendant Ulrich Peters hingegen beschränkt sich auf eine dekorative Oberfläche.

Unter Stefan Veselka formt das Sinfonieorchester einen schaumigen, durchhörbaren Klang, der auch dann die Sänger trägt, wenn er dramatisch aufbraust. Zum Beispiel in der jähen Erinnerung an die angebetete Stella, über die Hoffmann das Trinklied vom „Klein-Zack“ vergisst. Adrian Xhema gestaltet die Titelpartie des Dichters E.T.A. Hoffmann mit kraftvollem, strahlenden Tenor, dessen Höhen auch im fünften Akt ihre Geschmeidigkeit nicht verlieren.

Lisa Wedekind weicht als Muse nicht von seiner Seite; ihr Mezzo schwärmt von Hoffmanns Talent in den wärmsten Tönen, kann aber auch anders, wenn sie diesen schneidend verhöhnt. Am Ende wird er dem bürgerlichen Lebensentwurf entsagen und ihr folgen, an seinen Schreibtisch.

Der zwielichtige Lindorf, der in allen drei Erzählungen als Hoffmanns Gegenspieler auftaucht, wird von Gregor Dalals jovialem, tiefen Bariton profiliert. Antje Bitterlich gefällt als tragikomischer Koloratur-Apparatschik Olympia, Henrike Jacobs macht die Sängerin Antonia zur ehrgeizigen Drama-Queen mit dem Outfit eines Gothic-Schneewittchens, und Sara Rossi Daldoss’ Giulietta kalkuliert als zynisches Art-Déco-Luder ihre Gefühlsaufwallungen – sie sind nacheinander Hoffmanns Objekte der Begierde.

Drei interessante Frauen sind das, ferngesteuert von dubiosen Vaterfiguren. Sie haben eigene Motive und Ambitionen, am deutlichsten wohl Antonia als begabte Sängerin, und Hoffmanns romantische Projektionen könnten als das eigentliche Problem dieser drei Beziehungsdebakel gesehen werden. Doch Peters hat dafür keinen Blick: Er diskreditiert sie als Agentinnen des Spießertums, als Verführerinnen, die Hoffmann von seiner Berufung zum Künstler abzubringen versuchen – was die Muse gemeinsam mit Lindorf erst inszeniert und dann zu verhindern weiß. Mit dieser altbackenen Lesart trägt Peters dazu bei, dass sich spätestens nach dem zweiten Akt einige Längen bemerkbar machen.

Die einzige – fragwürdige – Brechung, die die Produktion sich erlaubt, ist die schwarz-weiße Stummfilm-Optik, die die schnell entfachten Leidenschaften der Oper mit dem mimischen und gestischen Überagieren im frühen Film identifiziert (und damit in Frage stellt). Bernd Franke hat düstere, karge Räume geschaffen. Im Hintergrund verdeutlichen Projektionen (Industriehallen, Maschinen, surrealistische Bildern) Hoffmanns Leidensstationen.

Dieser erscheint in seinem verbeulten bräunlichen Alltagsanzug als Fremdkörper unter all den weißgesichtigen glitzernden Kunstfiguren, die in den 1920er Jahren zu verorten sind (Kostüme: Götz Lanzelot Fischer): Die Studenten in schwarzen Lackuniformen einer reaktionären Verbindung mit den obligatorischen Schmissen und Trinksitten, die Damen in paillettenbesetzer Balltoilette. Die Szenen mit dem Chor (hervorragend aufgestellt von Inna Batyuk) bewegt Peters routiniert und ansehnlich. Doch sein Konzept, Hoffmanns „Phantastische Oper“ als Lehr- und Leidensjahre eines Künstlers zu verhandeln, ist dürftig.

Folgerichtig stellt er Hoffmanns Apotheose durch die Muse an den Schluss: „Man wird groß durch die Liebe, aber größer durch die Tränen“ wiederholt der Chor, mittlerweile sitzt der Dichter am Schreibtisch und kratzt emsig mit der Feder übers Papier. Was wohl zeigen soll: Mit einer Träne im Knopfloch klappt’s auch mit der Inspiration.

3., 5., 9., 29. September, 4., 30. Oktober, 21. November; Tel. 0251/5909100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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