Der dritte Band von J.J. Voskuils „Büro“-Zyklus

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J.J. Voskuil

Der Kongress der europäische Volkskundler in Budapest beginnt wie andere auch. Am Anfang halten drei Referenten Vorträge über das Frauenhemd in der Slowakei, in Schweden und in Irland. Aber am Ende wird der Verband nicht mehr sein wie zuvor: Der jugoslawische Professor Horvatic, der jahrelang Neuerungen blockierte, wird als Vorsitzender gestürzt. Eine Revolution, angezettelt vom niederländischen Wissenschaftler Maarten Koning, dem Helden von Johannes Jacobus Voskuils Romanzyklus „Das Büro“.

Im dritten Band, „Plankton“, geht der Wahnsinn weiter, der den Zyklus in den Niederlanden zum Kult werden ließ. Minuziös verfolgt Voskuil die täglichen Ereignisse im Institut für Volkskunde in Amsterdam, diesmal über die Jahre von 1972 bis 1975. Es handelt sich um einen Schlüsselroman, der Autor hat von 1957 bis 1987 im Meertens Instituut gearbeitet. All die Büro-Intrigen, die Unterhaltungen zur Tagespolitik, kleine Erfolge und Demütigungen fügen sich zu einem fesselnden Erzählfluss.

Zu den Höhepunkten gehört der Sturz von Horvatic. In jedem Band gab es Kongresse, in Münster, in Helsinki. Nun eben in Budapest. Horvatic schmetterte jeden Änderungs- oder Reformvorschlag ab. Die Wissenschaft sollte betrieben werden wie vor dem Krieg, als eine Art Blut-und-Boden-Kunde. Das wird nie ausdrücklich gesagt. Aber man kann es schon dem Projekt des europäischen Atlas der Volksbräuche ablesen. Wie der Sepp Blatter der Studierstuben entmachtet wird, wie Maarten sich Verbündete sucht und dann mit Anträgen und Diskussionsbeiträgen dafür sorgt, dass der Verband demokratisiert wird, das hat etwas von einem Schlachtenbericht. Auch die Auseinandersetzung mit den belgischen Kollegen in der Redaktion von „Ons Tijdschrift“ wird von Professor Pieters von der Universität Löwen mit allen denkbaren Hinterlisten ausgetragen. Die Niederländer fühlen sich nicht angemessen in dem Blatt vertreten. Aber die Flamen finanzieren es und glauben deshalb, dass darin Verbandsnachrichten und Arbeiten flämischer Studenten abgedruckt werden sollten.

Fast alles läuft chaotisch. Eine Bewerberin, die es hasst, sich zu bewerben, findet Maarten genau deshalb geeignet. Es gibt den Kleinkrieg um die Verteilung der Arbeit, bei der Maarten es scheut, klare Anweisungen zu geben. Er will ein demokratischer Chef sein. Aber renitente Mitarbeiter wie Bart und Ad erleichtern den Alltag nicht. Hinzu kommen Streitigkeiten darum, welche Mitarbeiter aus welcher Abteilung Gehaltserhöhungen bekommen, Kompetenzrangeleien, ein Hausmeister mit einem Alkoholproblem, und einmal reagiert Maarten seinen Ärger ab, indem er sich mit Ad um Stifte streitet. Maartens Frau Nicolien zeigt noch immer ihre geballte Verachtung für Menschen, die arbeiten.

Am Ende verliert er gleich zwei Vaterfiguren: Sein Vater stirbt. Der alte Direktor Beerta erleidet einen Schlaganfall. Ausgerechnet nach diesen Schicksalsschlägen durchströmt Maarten ein „Glücksgefühl, so intensiv, dass er sich nur noch hätte abstoßen müssen, um in den Raum hineinzufliegen“. Der Mann, der sich die meiste Zeit fehl am Platz fühlt, der die Technik und die Menschen und Veränderungen hasst. Voskuil fängt die Paradoxität des Menschen ein.

Selten gibt einem ein Buch so sehr das Gefühl, wirklichem Leben beizuwohnen. Wie in der Episode über die Tomaten, die aus dem Kübel sprießen. „Eigentlich gibt es dann nur eine Erklärung“, erzählt Maartens Kollege Lex, „Wir hatten eine Party, und da hat sich jemand in diesem Kübel übergeben. Wir hatten gerade einen Tomatensalat gegessen.“

J.J. Voskuil: Plankton. Das Büro, Bd. 3. Deutsch von Gerd Busse. Verbrecher Verlag, Berlin. 959 S., 29 Euro

Quelle: wa.de

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