Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln rekonstruiert einen Flügelaltar

+
Bewegte Jünger: Detail aus der Himmelfahrt des Meisters der Antwerpener Anbetung, zu sehen im Wallraf-Richartz-Museum.

KÖLN - Das Wichtigste ist abgeschnitten in dieser „Himmelfahrt Christi“: Der Oberkörper des Heilands ist den Blicken des Betrachters wie der aufgewühlten Jünger entzogen. Das ist kein Kunstgriff des unbekannten Malers nach dem Motto: Das Wichtigste ist unsichtbar. Ursprünglich hatte der Antwerpener Meister natürlich auch Kopf und Schultern Christi gemalt. Aber damals, um 1520, war sein Bild nicht rechteckig. Es gehörte zu einem riesigen Flügelaltar in der Klosterkirche der Kölner Kreuzbrüder, und die Oberkante des Bildes war geschwungen wie der Altarflügel.

Jahrhunderte lang konnte man das Meisterwerk der flämischen Werkstatt so betrachten, bis 1802 nach dem Ende der Herrschaft Napoleons das Kloster aufgelöst wurde. Die Ausstattung wurde verkauft, und der Altar wurde, damit er besser verkäuflich war, auseinander genommen. Und was nicht passte, wurde passend gemacht: Man sägte die Bilder ab, um sie rechteckig für die Salons bürgerlicher Kunstfreunde zu machen.

Beispielhaft erläutert die Ausstellung „Ein vergessenes Meisterwerk“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum nun diesen Prozess an einem markanten Beispiel. Der Altar der Kreuzbrüder war ein multimediales Spektakel des ausgehenden Mittelalters. Acht Tafeln, die größten fast zwei Meter hoch, befinden sich im Besitz des Museums. In der Ausstellung versucht es, das ursprüngliche Werk zu rekonstruieren. Fünf Meter hoch war es, ausgeklappt sieben Meter breit, und es hatte mehrere Ansichten für den Alltag und für Festtage.

Der Orden der Kreuzbrüder wurde im 13. Jahrhundert in Huy im heutigen Belgien gegründet. Schnell breitete er sich aus. Das Kölner Kloster entwickelte sich zu einem Machtfaktor, es besaß ausgedehnte Ländereien und betätigte sich als Bankhaus der Herrscher. 1505 gewährten die Kreuzbrüder dem Kurfürsten Philipp von der Pfalz einen Kredit von 2200 Gulden. Nur auf der Basis solchen Reichtums konnte man sich ein solch opulentes Stück wie den Klappaltar leisten, mit seinen aufwendigen Gemälden und dem Schatzkasten im Inneren, gefüllt mit geschnitzten Darstellungen der Kreuzigung und von Heiligen.

Antwerpen wiederum war damals Sitz einer Altarindustrie. Mehr als 200 Altäre von dort sind überliefert. Die meisten wurden ins Rheinland geliefert, aber selbst in Skandinavien hatte man Kundschaft. Dieser Erfolg verdankte sich einer rationalisierten Produktionsweise und einem knallharten Preiswettkampf. Die Antwerpener unterboten ihre Konkurrenz, boten dabei aber eine hohe Qualität. Die zum Teil geschickt vereinfachten Darstellungen haben sogar bis nach Italien ausgestrahlt, als eine neue, besonders lässige Kunst, so eine These des Kölner Kurators Roland Krischel.

Im Ausstellungssaal deuten nun graue Silhouetten an den Wänden die Ausmaße des Altars an. Die erhaltenen Tafeln sind an die Stellen platziert, wo sie mutmaßlich saßen. Der Aufbau solcher Altäre erfolgte nach einem festgelegten Bildprogramm, eine Hilfe für die Ausstellungsmacher bei ihrem Puzzlespiel mit Alter Kunst. Es gab einst eine Außenseite, von der nur die Hälfte einer Gregorsmesse erhalten blieb, der Darstellung einer Legende, der zufolge dem Papst Gregorius beim Gebet der wahrhaftige Christus erschien. Sonntags wurde der Altar einmal aufgeklappt, und eine Serie von acht Gemälden schilderte Szenen aus dem Leben Christi wie die wundersame Brotvermehrung und die Auferweckung des Lazarus. An ganz hohen Festtagen wurde der Altar noch einmal aufgeklappt, und nun sah man, gerahmt von Gemälden der Passion Christi, die geschnitzte Kreuzigung.

In Köln hat man nun alle drei Ansichten nebeneinander, und von einigen Tafeln der Sonntagsseite, die im Zweiten Weltkrieg verbrannten, vermitteln immerhin Schwarz-Weiß-Fotos in Originalgröße einen Eindruck. Überhaupt ist die Schau didaktisch sehr geschickt gemacht, ein kleines Modell des Klappaltars, das man benutzen kann, erklärt die ausgeklügelte Mechanik dieses Meisterwerks. Und Vergleichsbilder, Zeichnungen, ein Kirchenmodell und ein Stück des Originalchorgestühls lassen ebenfalls den einstigen Reichtum des Kreuzherrenklosters ahnen. Die wunderbaren geschnitzten Figuren, unter anderem vier Propheten und eine Anbetung der Könige, kamen aus dem Kölner Schnütgen-Museum. Ein kleines Tafelbild mit der Flucht nach Ägypten, das von der Himmelfahrtstafel abgesägt wurde, kam aus der Alten Pinakothek in München an den Rhein.

Bis 12.6., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221 / 221 211 19,

www.wallraf.museum,

Katalog 12 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare