Das Werk Dieter Roths im Dortmunder U: „Schöne Scheiße“

+
Wohl geformt: Das „Karnickelköttelkarnickel (Scheißhase)“ (1970) von Dieter Roth ist aus Stroh und Kaninchenkot.

DORTMUND - Sie ist nicht zu riechen, die „Schöne Scheiße“ von Dieter Roth. Und nimmt man die geformte Skulptur „Karnickelköttelkarnickel (Scheißhase)“ von 1970 nicht allzu wichtig, dann gibt es auch gar keine Scheiße im Dortmunder U. Zumindestens auf der Etage des Ostwall-Museums, das dem Objekt- und Aktionskünstler Dieter Roth (1930–1998) eine große Ausstellung widmet.

Roth ist bekannt geworden mit Käse, Schokolade, Wurst, Joghurt, Gewürzen, Vogelfutter und den Tierchen, die zum Verwesungsprozess dazugehören. „Seine Mitarbeiter“ nannte er sie. Roth machte aus Lebensmitteln Bilder und Figuren und nannte das in den 1960er Jahren Kunst. Und dabei blieb es.

In Dortmund heißt die Ausstellung „Dieter Roth. Schöne Scheiße. Dilettantische Meisterwerke“. Der mit der wirklichen Scheiße war nämlich Piero Manzoni. Der Italiener füllte 1961 seine eigenen Ausscheidungen in 90 Dosen und nannte das „Merda d’artista“ (deutsch: Künstlerscheiße). Eine Provokation, aber geruchsfrei. Auch die Werke Dieter Roths belästigen bestenfalls den Geist der Vorstellung, aber das war dem umtriebigen Künstler, geboren in Hannover, recht, er wollte etwas auslösen.

Anlass der Präsentation in Dortmund ist eine Dauerleihgabe von 200 Werken Dieter Roths aus der Sammlung Horst Spankus. Damit werde Dortmund zum „Dieter-Roth-Zentrum“, konstatiert Kurt Eichler, Geschäftsführer der städtischen Kulturbetriebe. Das Museum Ostwall hat bereits 200 Roth-Werke aus der Sammlung Cremer im Magazin. Nun zeigt das U der Stadt nach Stuttgart (Roth als Schriftsteller) und Berlin (Roth als Musiker) eine thematische Schau, die den Künstler auf seine Autorenschaft hin untersucht. Wie kam der Künstler zu seinen Werken?

Der Besucher wird gleich von Dieter Roth auf 131 Monitoren empfangen. Die späte Arbeit von 1996/98 protokolliert das Alltägliche: Roth schreibt, zeichnet, trinkt, spricht, heftet etwas ab, duscht, liegt im Bett, telefoniert... Feste Kameras nehmen ihn in seinen Wohnungen, ob Basel oder Hamburg, auf. Die Videos laufen und sind eine visualisierte Selbstvergewisserung: Er ist es; er, der Künstler; er, er selbst. Dieter Roth zweifelte, war manisch-depressiv, wie die Kuratorin Nicole Grothe sagt, und er stellte sich immer wieder in Frage, suchte und arbeitete an seinem Verhältnis zur Welt. Ein Themenraum ist seinen Selbstbildnissen gewidmet, die vor allem Annäherungen sind: farbenverspielt und gerastert, wie in „Selbstbildnis als Loch“ (1972), mit wuchtigem Farbschwung, wie in „Selbstbildnis als Portion grünen Salates“ (1973) oder mit „... als Portion gemischten Salat“ wieder farbiger. Er nimmt sich nicht ganz ernst und belässt es immer bei Konturen, nie zeigt er sein Gesicht.

In der Beziehung zu Dorothy Iannone zeichnet er sich gern als Raubtier, um seine Eifersucht auszudrücken. „Daheim“ (1970) ist ein farbiger Siebdruck, der erotische Linienführungen bietet, aber figürlich nicht zu entschlüsseln ist, so grell und lebhaft ist der Gesamtausdruck. „Bei uns“ (1969) heißt das Pendant von einer Geliebten, das eindeutiger zeigt, worum es geht. Ihr Hauptthema war die sexuelle Befreiung. Als sie Dieter Roth 1967 in Reykjavik traf, trennte sie sich von Emmett Williams und machte aus dem Deutschen ihre männliche Muse – bis 1974. Sie blieben befreundet.

Dieter Roth wollte einen Platz in der Kunst, und er suchte nach Ausdrucksmitteln. In den 1960er Jahren sollte die Idee wichtiger werden als das Genie, das sein Werk (noch) selbst ausführte. Es gab die Fluxus-Bewegung, Performances und die Hinwendung der Kunst zum Alltag. Roth hatte vorher konkret und konstruktivistisch gearbeitet. Der Siebdruck „Im Westen“ (1971) mit fantastischen Gebilden erinnert an seine Zeit als Grafiker.

Zufällig entdeckte Roth, dass die Überreste einer verschütteten Milch Strukturen entwickelten. Das ästhetische Potenzial dieser ungesteuerten Prozesse lockte ihn. Die Ausstellung zeigt zahlreiche Beispiele. „Schimmelblatt“ (1969) wirkt wie eine expressive Abstraktion, „o. T. (Joghurtpressung)“ 1969/70 flockt förmlich aus und ist unter Glas dreidimensional. Ein anderer Roth-Klassiker heißt „Kleiner Sonnenuntergang“ (1972). Der Himmelskörper wird von einer Plockwurst-Scheibe gebildet, die ausfettet und Strahlen illusioniert. Man spürt Roths Freude, klassische Motive zu variieren.

„So wie ich Kunst sehe, ist das Handwerk“, sagte Roth und arbeitete gern aus dem Zweifel heraus. Was ist ein Buch? Roth schnitt aus Comics Seiten für seine Bücher, die er auf Island verlegte und reproduzierte („Quick“, 1994). Das Buch „Murmel“ (1974) besteht nur aus der Wiederholung des Wortes (konkrete Poesie). Seine „Zeitschrift für alles“ (ab 1975) zeigte alles, was man ihm zuschickte. Er publiziert, nahm, was kam, und musste 1987 abbrechen, weil das Material jeden Umfang überspannte. Seine Schallplatten hielten auch die Wortwechsel mit Tontechnikern fest. In Dortmund läuft die Radiosonate, die Roth im SDR-Studio 1976 live mit viel Whiskey aufgenommen hatte.

Dieter Roth hat immer seine Gedanken ausdrücken wollen, um sich zu zeigen, zu halten: „Wenn ich das nicht erlebt hätte, diese Scheiße und diesen ganzen Mist, dann hätte ich nicht diese Zeichnung hier und so kann man sich doch trösten.“

Bis 28. August; di – so 11 – 18 Uhr, do, fr 11 – 20 Uhr;

Tel. 0231/502 4723;

www.museumostwall.dortmund.de

Katalog 28 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare