Wiederentdeckt: Die Dortmunder Fotografin Annelise Kretschmer in Köln

+
Die Faszination des Spiels erlegen ist Nina auf diesem Foto (Detail) von Annelise Kretschmer von 1943, zu sehen in der Kölner Ausstellung.

KÖLN - Mit großen Augen sieht Nina in die Welt. Den Drehkreisel schaut sie gar nicht mehr an, ihr Blick geht ins Anderswo, vielleicht in die Kamera, vielleicht folgt sie einfach ihren Gedanken.

Annelise Kretschmer fotografierte ihre Tochter 1943, und sie fängt berückend die Versunkenheit des spielenden Kindes ein. Der Kontrast zwischen der Schärfe, die genau auf den weiten Augen liegt, und der Unschärfe des Kreisels markiert die Spannweite der Phantasie. Ein magisches Bild. Zu sehen ist es im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln. Das Haus zeigt in der Ausstellung „Annelise Kretschmer – Entdeckungen“ rund 80 Aufnahmen der Künstlerin, die viel zu lange vergessen war.

Ausstellungskurator Thomas Linden sieht sie als Solitär in der Fotografiegeschichte. Sie habe keine Vorbilder, aber auch keine Nachfolger. Aber schon ihr Leben hebt Annelise Kretschmer (1903–1987) hervor. Ihre Eltern hatten in Dortmund ein gut gehendes Modegeschäft. Der Vater sammelte Kunst, der Lebensstil war freizügig. So konnten die Kinder ihre Lebenswege selber wählen. Annelise Kretschmer wählt die Fotografie. In Köln sind Aufnahmen zu sehen, die sie 1922 in Nordafrika gemacht hat. Die Reise hatten die Eltern ihrem Bruder geschenkt, als Therapie gegen die Prüfungsangst im Studium. Die braunstichigen Blätter, als altertümliche Bromöldrucke abgezogen, zeigen exotische Stadtansichten mit Fez tragenden Passanten und Beduinen in der Wüste.

Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Fotografin und gründete 1929 in Dortmund ein eigenes Atelier, als eine der ersten Frauen. Sie war, so Linden, ein Shooting Star der damaligen Fotoszene, war auf den wichtigsten Ausstellungen wie der Internationalen Ausstellung Film und Foto des Deutschen Werkbundes und dem 25me Salon International d’Art Photographique“ in Paris vertreten, arbeitete für mehrere Zeitschriften. Sie lebte bereits Emanzipation: 1928 hatte sie Sigmund Kretschmer geheiratet, einen Bildhauer, der kaum Einnahmen hatte. Also kümmerte er sich um die Kinder. Und sie verdiente das Geld, vor allem mit Portraitaufträgen für Bürger und Industrielle in Dortmund, die sie zum Teil über drei Generationen begleitete.

Aber ihre Karriere endete 1933. Ihr Vater war jüdischer Abstammung, und so wurde sie aus der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner ausgeschlossen. Ihre Tochter Christiane von Königslöw berichtet, dass die Diskriminierung in der Familie kein großes Thema war. Irgendwie hat sie es offenbar geschafft, weiter ihr Atelier zu betreiben, obwohl ihr Schaukasten auf dem Markt mehrmals beschmiert und zerstört wurde. Offenbar, so vermutet die Tochter, waren ihre Portraits beim Dortmunder Bürgertum zu begehrt. Im Krieg wurde das elterliche Haus samt dem Atelier ausgebombt. Gleichwohl gründete sie 1950 ihr Atelier neu und betrieb es bis 1978.

Ausstellungen allerdings gab es nicht mehr nach 1933, und auch keine bedeutenden Veröffentlichungen. In Dortmund war Kretschmer allerdings gut vernetzt, unter anderem mit der Direktorin des Museums am Ostwall, Leonie Reygers, befreundet. So porträtierte sie auch Künstler und Prominente, die zu Ausstellungen kamen. Erst 1982 widmete das Essener Museum Folkwang ihr eine umfangreiche Retrospektive. Sie habe sich über die späte Anerkennung gefreut, sagt ihre Tochter.

Es genügen wenige Bilder, um den ästhetischen Rang dieser Künstlerin zu erkennen. Ihre Inspiration kam eher aus der Malerei als von anderen Fotografen. Sehr beeindruckt hatte sie ein Bild von Paula Modersohn in der Sammlung ihres Vaters. Ihre Porträts brachen mit den damaligen Konventionen. Sie konzentrierte sich ganz auf das Gesicht, wählte zum Teil extreme Anschnitte, ließ Schatten zu. Der „Mädchenkopf“ (um 1931) zeigt keine konventionelle Pose, folgt nicht den Rollenklischees. In dem Bild begegnet der Betrachter einer selbstbewussten Frau. Meisterlich inszeniert sie die „Junge Frau vor Renaissance-Portrait“ (1930): Man sieht den Hinterkopf der Frau, die zu einem Knoten festgesteckten Haare, den Hut, die ihr Echo finden in Frisur und Kopfbedeckung der gemalten Dame.

Eigenwillig auch, wie sie den bedeutenden Fotografen Albert Renger-Patzsch 1962 an der Möhne porträtiert: Nach rechts aus dem Bild schauend, so dass das Vogelprofil mit der markanten Nase betont wird. 1959 richtet der Chefkurator des Pariser Louvre, François Mathey, eine Skulpturen-Ausstellung in Dortmund aus. Kretschmer fotografiert ihn im Halbprofil, doch seine Augen suchen durch die dicken Brillengläser den Kontakt zur Kamera. Ein ungemein verschmitzter Ausdruck.

Ob sie nun 1928 ein sehr privates Paris fotografiert mit Regentropfen an einer Fensterscheibe, rissig verwitterten Hausfassaden und Vater und Kind am Café-Tisch, oder ob sie ihre Kinder begleitet, die Tochter im Spiel mit dem Vater am Strand, die Tochter an einem Baumast hängend, den Sohn nachdenklich an einen Fensterrahmen gelehnt – stets ist ihr Blick erfrischend, originell und überraschend.

Bis 27.11., di – fr 10 - 18, sa, so 11 - 18 Uhr, Tel. 0221/ 227 28 99, www.kollwitz.de,

Katalog, Emons Verlag, Köln, 18 Euro. Im Anschluss ist die Ausstellung in den Museen Böttcherstraße in Bremen (ab 12.2.2017) und in der Städtischen Galerie Iserlohn (2018) zu sehen.

Quelle: wa.de

Kommentare