Wolfram Koch spricht die „Apokalypse“

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Erhaben und vom eigenen Vortrag erfüllt: Wolfram Koch im Harlekin-Einteiler mit Elisabeth Zumpe und Ingo Günther in der Uraufführung „Apokalypse“ bei den Ruhrfestspielen.

RECKLINGHAUSEN - Apokalypsen zählen zur Kulturgeschichte der Menschheit. Die Angst vor dem Ende wird meist von entsetzlichen Verwerfungen begleitet, die oft mit der Gegenwart korrelieren. Wer hat ein Interesse am Schreckensszenario?

Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen wurde die biblische „Apokalypse“ nach der Offenbarung des Johannes als monologische Narretei inszeniert. Das letzte Buch des Neuen Testaments, in der Übersetzung von Martin Luther von 1545, unterfüttert Wolfram Koch vor allem sarkastisch. Die Absicht des Verfassers – wohl ein frühchristlicher Prophet –, die Gemeinden bei Ephesus (Kleinasien) gegen die römischen Besatzer zu unterstützen, wird nicht historisierend entwickelt.

Stattdessen springt eine Clownsfigur aus einer gelb strahlenden Bühnenöffnung, rappelt sich auf und repetiert den Text, der in Briefform wahrscheinlich zwischen 60 und 65 n. Chr. geschrieben wurde. Herbert Fritsch (Regie/Bühne) hat eine artifizielle Projektionsfläche im großen Saal des Festspielhauses entworfen. Mit Licht wird die Raumatmosphäre immer mal wieder gewechselt, so dass sich keine authentische Örtlichkeit bildet. Das lässt den Text wie eine freie Erscheinung wirken, die Wolfram Koch mit seinen Possen immer nur für den Moment belebt, aber eben nicht zur Erzählung macht.

Das wirkt sehr kauzig, wenn Koch mit belehrender Geste den Zuhörer ermahnt und wiederholt, er möge hören, was der Geist der Gemeinden sagt. Nach den Sendschreiben an die sieben Gemeinden, die ein Art Hilfestellung für die Gläubigen sein wollen, werden die prophetischen Visionen entworfen. Wolfram Koch schmückt vor allem das Fantastische in diesem Text aus, wenn er in das Buch mit den sieben Siegeln schaut. Als er über das feuerrote Pferd und seinen Reiter mit Schwert spricht, ist für ihn der Frieden dahin, und er fasst sich theatralisch an den Hals. Mit seinen überlangen Schuhen und dem gelben Anzug legt er sich ins Zeug, um für frühchristliche Stories und Bilder zu werben, die vor allem theologische Deutungen zulassen. Hier kapituliert sogar das Regietheater.

Koch stemmt sich fortan gegen den Anachronismus, der in den Satansbebilderungen steckt. Figuren wie Isebell, die mit Hurerei und Unglauben schon im alten Testament verbunden wird, scheinen in Wolfram Kochs Monolog wie grelle Skizzen kurz auf. Mit kindlicher Lust trötet er in die Posaunen, die das Endzeitszenario anstimmen, wenn brennende Berge ins Meer stürzen. Diesem Narren ist die Freude am vernichtenden Bericht anzusehen. Sollte die „Offenbarung des Johannes“ nicht vom Elend ablenken und in den Gedankenbildern Trost für die Zukunft spenden?

In der Uraufführung begleitet die Souffleuse Elisabeth Zumpe jeden Schritt Wolfram Kochs und spricht ihm den Text vor, den der Darsteller zu einem körperlichen Akt entwickelt. Dazu tapert Ingo Günther mit einer Tastatur um die mittlerweile herabgelassene Freitreppe im Niemandsland der Bühne und lässt elektronische Rhythmen und Geräusche anschwellen. In Recklinghausen ist eine bisweilen bizarre Kunstwelt geschaffen.

Die Koproduktion der Ruhrfestspiele mit der Volksbühne Berlin wendet sich noch im Jüngsten Gericht gegen die „Hure Babylon“, also gegen Rom, um den Christen die Hoffnung zu geben, diese Heidenkultur zu überstehen – mit „Gottes Wort“.

Und Wolfram Koch hat sich zum Ende, als er einen Harlekin-Einteiler mit bunten Rauten trägt, ganz der „neuen Welt“ gewidmet. Zwölf Mauern wird die neue Stadt haben, mit zwölf Edelsteinarten besetzt, die er alle so aufzählt, dass sie zu strahlen scheinen. Er selbst bleibt seinem närrischen Spiel treu, ruft „ja Herr Jesu komm’, seine Gnade sei mit Euch allen“. Und die neckische Zuversicht, die die Inszenierung erschafft, liegt ganz im autonomen Spiel eines großartigen Darstellers, der heute Abend jeden Text belebt hätte.

22. Juni, Volksbühne Berlin

Quelle: wa.de

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