„Zahltag“: Dortmunder „Tatort“ im Rocker-Milieu

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Unangenehme Klinge: Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann, rechts) provoziert eine Reaktion von Luan Berisha (Oliver Masucci) im berüchtigten Dortmunder Motorradclub „Miners“. Szene aus dem „Tatort“ am Sonntag: „Zahltag“.

Zack, hängt Hauptkommissar Faber (Jörg Hartmann) im Würgegriff des Vizepräsidenten der Rockergang (Oliver Masucci), ein Messer am Hals. Dabei hatte er der Kollegin Bönisch versprochen, keinen Streit anzufangen. Aber auch die Ratschläge seines „Psychos“ halten den Ermittler nicht ab, Verdächtige bis aufs Blut zu reizen.

„Zahltag“ ist der neunte „Tatort“-Fall aus Dortmund. Wieder einmal hat die Revierstadt die morbid-gefährliche Ausstrahlung einer gesetzlosen Stadt. Als wollten Regisseur Thomas Jauch und Autor Jürgen Werner die aktuellen Polit-Debatten um No-Go-Areas in deutschen Städten illustrieren. Im Mordfall, der alles weitere auslöst, ist ein Rocker das Opfer. Offensichtlich ist er als Kurier unterwegs, als ihn ein SUV umfährt und ein Türke ihm anschließend den Rucksack vom Rücken schneidet. Der Rocker ist nicht tot, er greift zur Pistole, und im Schusswechsel wird ein Passant getötet, eine Frau schwer verletzt. Von den Balkonen filmen sie mit Mobiltelefonen, was den Türken nicht hindert, in aller Ruhe den Motorradfahrer hinzurichten.

Später fahren Bönisch und Faber zu einem schmuddeligen Hinterhof, aus zig Fenstern misstrauisch beäugt, und als sie sich leise einer Garage nähern, kracht eine Flasche an deren Tor. Die Warnung kommt von einem Kind mit Migrationshintergrund, das den verhassten Polizisten gleich noch den Stinkefinger zeigt.

Haben Anzeigen überhaupt noch einen Sinn, wenn Rocker schlimmstenfalls mit einer kurzen Bewährungsstrafe rechnen müssen? Die Dortmunder Kommissare zweifeln mächtig. Und jetzt kommt auch noch Hauptkommissar Pröll ins Haus, um die Dienstaufsichtsbeschwerde zu verfolgen, die Kossik (Stefan Konarske) schon vor einem Jahr gegen seinen Chef gerichtet hatte. Faber scheint der aktuelle Mordfall gerade recht zu kommen, um allen Verhörversuchen des pedantischen internen Ermittlers auszuweichen.

Dieser Tatort verlangt dem Zuschauer einiges an Erinnerungsarbeit ab, denn er knüpft an den vorletzten Fall an, der im Oktober 2015 ausgestrahlt wurde. Damals ging es um Asylbewerber, die als Drogenverteiler missbraucht wurden. Ein Zeuge wurde auf offener Straße erstochen, nachdem der eigentliche Fall gelöst war.

Regisseur Thomas Jauch gelingt es, die beiden Handlungsebenen stimmig zu verbinden. Die Action-Szenen auf der Straße und im düsteren Rocker-Hauptquartier wechseln mit den Verhörszenen, in denen der so bieder scheinende Pröll, grandios verkörpert von Milan Peschel, sich als gut informiert erweist und die Schwachstellen gleich ausmacht. Mit präzisem Humor charakterisiert Peschel eine Figur, die man leicht unterschätzt, wenn sie mit Rollkoffer ins Büro tritt, mitten im Satz den Notizblock konsultiert, Pizzakarton und leere Bierflaschen entsorgt. Aber in seinem Einfühlungsvermögen ähnelt er durchaus dem Psychotiker Faber. Der Film zeigt auch, wie die Schwächen des Apparats das Verbrechen aufbauen. Mehrfach wird darauf angespielt, dass möglicherweise Polizisten käuflich sind, interne Informationen weitergegeben wurden.

Der Mordfall gewinnt dadurch an Brisanz, dass die Rockergang „Miners“ offensichtlich als Geldkuriere für das organisierte Verbrechen agierte. Droht in Dortmund ein Bandenkrieg? Zumal „Miners“-Boss Vollmer (Jürgen Maurer) gerade erst aus dem Knast entlassen worden ist und mit dem geliebten Kampfhund Francis und der Reitunterricht nehmenden Tochter ganz schön verbürgerlicht erscheint. Mit einem so verweichlichten Führer bietet die Bande Angriffsflächen.

Einzigartig unter den „Tatort“-Ermittlern bleibt Faber, den man diesmal so richtig hassen darf. Wie er Kossik ausbremst, indem er ihn abends in der Kneipe mit „lecker Pils“ und Korn abfüllt, das ist eine miese Tour – und brillant von Hartmann gespielt. Kossik-Darsteller Konarske verlässt die Reihe, wie er kürzlich ankündigte. Es wird in der über die Einzelepisoden hinweg erzählten Serie präzise vorbereitet.

Für die Intrigen muss der Kommissar freilich zahlen, nicht nur, weil selbst Kollegin Bönisch ihm das Vertrauen entzieht.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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