Zeichnungen von Rolf Escher auf Haus Opherdicke

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Der Künstler stellte selbst seine Arbeiten vor: Rolf Escher auf Haus Opherdicke.

Von Marion Gay HOLZWICKEDE - Die Teller sind zerbrochen, die Kissen von den Korbstühlen genommen, sodass das brüchige Geflecht sichtbar wird. Über der Lehne hängt ein vergessenes Hemdchen. „Saison-Ende“ (1981) ist ein Bild der Trostlosigkeit, zu sehen in der wunderschönen Ausstellung „Lebenslinien“ im Haus Opherdicke.

Der Kreis Unna präsentiert rund 100 Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken des in Berlin und Essen lebenden Künstlers Rolf Escher anlässlich seines 80. Geburtstags. Die Bilder stammen aus den letzten 40 Jahren, vor allem aber werden Werkzyklen aus den letzten Jahren gezeigt.

Verlassene Orte wie Cafés nach der Saison, aufgegebene Geschäfte oder geschlossene Theatersäle spielen eine große Rolle in Eschers Werk. Im Bild „Nächtlicher Friseurladen in Lissabon“ (1994) wird die gespenstische Stille spürbar. Schläuche winden sich aus den Waschbecken, die altmodischen Frisierstühle vibrieren, als säßen dort die Geister längst verstorbener Kunden. Lange bevor das Aufspüren von so genannten „Lost Places“ Trend wurde, zeichnete Escher Stühle, Koffer und Kommoden in leerstehenden Villen („Finale“, 1976), ins Nichts führende Treppen („Die Treppe“, 1975) oder einen einsamen Bademantel an einem kaputten und verhangenen Fenster.

Im aktuellen Bildzyklus „Kölner Fundstücke“ beschäftigt sich Escher mit dem eingestürzten Stadtarchiv. Das „Registraturenbuch eines ehrbaren Korbmachers“ (2012/15) liegt zerfleddert auf einem Brief, daneben die Lupe vergrößert verschnörkelte, aus dem Alltag verschwundene Buchstaben. Schon immer hat er sich für ausrangierte Dinge interessiert, erzählt der in Hagen geborene Künstler. Er stöberte in Kellern verstorbener Verwandten nach abgelegten Gegenständen. Wie die mehr als hundert Jahre alten Damen-Schnürstiefel auf der Bleistiftzeichnung von 2005. Unmodern geworden, mit fransigen Schnürbändern und dennoch anmutig schön trotzen sie der Vergänglichkeit.

Eschers Bilder erzählen Geschichten von Menschen, die verschwunden sind. Dinge nehmen ihren Platz ein, behaupten sich inmitten zerschlissener Einsamkeit, warten auf den eigenen Verfall. So schimmern in den Flakons noch die Reste der Parfüms, inzwischen bräunlich geworden („Klappspiegel mit Flakons“, 1988). Wer auch immer sie benutzte, ist längst verstorben.

Natürlich zieht auch die seltsam weltentrückte Atmosphäre von Dichterhäusern Escher an. In einem aktuellen Zyklus widmet er sich dem Heim der Droste-Hülshoff. „Rüschhaus in Münster: Gartensaal“ (2011) zeigt den blankpolierten, irritierend leeren Tisch unter dem Porträt der Dichterin. Meistens zeichnet Escher, der jahrzehntelang eine Professur für Illustration an der Fachhochschule Münster hatte, direkt vor Ort. Wie auch in Venedig, wo er die morbide Schönheit der alten Paläste einfängt. Manchmal wehen lange Vorhänge aus den Fenstern („Palast in Venedig“, 2003), mal glänzen die Kuppeln vom Markusdom unwirklich goldüberhaucht (2010). Besonders berührend das zartblaue, surreale Aquarell „Zeitungskiosk bei aqua alta“ (2003). Der vollbepackte Zeitungsladen scheint sich nur noch mit Mühe über dem Wasser zu halten.

An allem nagt der Zahn der Zeit. Wie im Bild „Letzte Vorstellung, Hoftheater“ (2011). Nicht nur die Schauspieler sehen mit ihren weißen Masken aus wie Gespenster, auch die Zuschauer lösen sich auf, die prachtvollen Logen verschwimmen. Leicht skizziert sind auch die orange-gelblichen „Holzhäuser am Bosporus“ (2001), betörend schön im Abendlicht, verwischt vom drohenden Zerfall.

bis 14. 8.,

di – so 10.30 – 17.30 Uhr, Tel. 02301/ 9183972,

www.kreis-unna.de,

Katalog 24 Euro.

Quelle: wa.de

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