Wenn Bewegung bei Diabetes Typ-2 nicht hilft

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Bewegung ist Grundstein der Therapie von Diabetes Typ-2, doch nicht bei jedem Patienten schlägt sie an.

Die Medizin hat in den letzten Jahren in der Diabetesforschung große Fortschritte gemacht. Dennoch gibt die Zuckerkrankheit den Wissenschaftlern und Ärzten in vielen Bereichen nach wie vor Rätsel auf.

Neueste Untersuchungen deuten daraufhin, dass bei Typ-2-Diabetikern eine Resistenz gegenüber einer Bewegungstherapie auftreten kann. 

Sportintervention wirkt nicht bei Non-Respondern 

Weiterhin gilt der Grundsatz, dass körperliche Betätigung Typ-2-Diabetikern in der Therapie helfen kann. In Einzelfällen schlug diese Therapie jedoch nicht an, Forscher gingen nun der Ursache nach.

Bei diesen Non-Respondern konnte an Hand von Trainingsinterventionsstudien festgestellt werden, dass tatsächlich bei jedem fünften Studienteilnehmer die durch Sport übliche positive Wirkung auf den Stoffwechsel ausblieb. Warum das so ist, zählt nach Aussage von Prof.Dr.Hans-Ulrich Häring heute zu den Mythen der Diabetologie. 

Um dieses Phänomen zu erklären, hat ein Forscherteam um Cora Weigert von der Universitätsklinik Tübingen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des Helmholtz Zentrums in München diesbezüglich eine wissenschaftliche Untersuchung durchgeführt

An der Studie nahmen zwanzig Probanden mittleren Alters teil, die über einen Zeitraum von 8 Wochen ein Ausdauertraining, bestehend aus Radfahren und Walking, absolvierten. Alle Teilnehmer waren Patienten mit erhöhtem Diabetesrisiko. Vor der Studie hatten die Probanden kaum oder gar keinen Sport betrieben.

Insulinsensitivität bei jedem Fünften unverändert 

Für die Forscher waren vor allem molekulare Veränderungen der Skelettmuskeln von Interesse. Bei den meisten Teilnehmern zeigte die sportliche Betätigung auch die erwartete Wirkung. Die Insulinsensitivität in den Muskeln verbesserte sich und bei den Genen der Glukose-und Fettverbrennung waren positive Veränderungen erkennbar. Jedoch reagierte jeder fünfte der Probanden nur sehr zurückhaltend, sodass in den Muskeln nur geringfügige Veränderungen feststellbar waren. 

Das Ergebnis ist für die Wissenschaft irritierend. Wurde doch bisher davon ausgegangen, dass Sport den Blutzuckerspiegel senkt, die Insulinsensitivität steigt und das viszerale Fett reduziert wird. Immerhin zeigte eine diesbezügliche von dem Wissenschaftler Thomas Yates durchgeführte englische Studie (PREPARE Studie 2011), dass bei Patienten mit Prädiabetes durch einfache sportliche Tätigkeit und einer gesunden Ernährung positive Veränderungen zu verzeichnen waren. Allerdings wurden bei allen Versuchsreihen bisher nur diejenigen Patienten berücksichtigt, die eine positive Entwicklung aufwiesen, während den nicht erfolgreichen Studienteilnehmern keine Beachtung geschenkt wurde. 

TGF-beta beeinträchtigt Glukose -und Fettverbrennung 

Bisher konnte noch nicht geklärt werden, welche Parameter dafür 
verantwortlich sind, dass Non-Responder nicht von dem Sportprogramm profitieren, sondern zum Teil sogar wesentlich schlechtere Stoffwechselwerte aufzeigten als vor der Studie. Nicht so bei der Studienreihe aus Tübingen. Hier untersuchte das Forscherteam die molekularen Veränderungen im Skelettmuskel der Probanden. 

Dabei machte die Tübinger Forschergruppe eine interessante Entdeckung in Bezug auf den sogenannten "Crosstalk" zwischen Muskeln, Fett und Gehirn. So konnte eruiert werden, dass die Skelettmuskulatur bei Non-Respondern nicht so gut trainierbar ist wie bei den Respondern. Warum das so ist, konnte bisher noch nicht eindeutig geklärt werden. 

Fest steht, dass bei Non-Respondern der Botenstoff TGF -beta (Transforming growth factor beta) vermehrt gebildet wird. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Signalmolekül, das bei der Entwicklung und Differenzierung von Gewebe insbesondere in Bezug auf die Gene , die für die Glukose- und Fettverbrennung zuständig sind, eine entscheidende Rolle spielt. Durch den vermehrt vorhandenen Stoff TGF-beta wird die Glukose-und Fettverbrennung gehemmt und die Insulinsensitivität reduziert, wodurch die positiven Effekte der Sportinterventionen bei Non-Respondern keine oder nur geringfügig Wirkung zeigen. 

Kein Freifahrschein für Sportmuffel 

Auch wenn bei den Non-Respondern bei der Tübinger Sportintervention keine Wirkung festgestellt werden konnte, bedeutet das laut Forschermeinung nicht, dass die Non-Responder nun künftig von jeglicher Art körperlicher Ertüchtigung befreit sind. Im Gegenteil,
die Abteilungsleiterin der IDM ist sich sicher, dass es auch für Non-Responder ein individuell ausgerichtetes Trainingsprogramm gibt, mit dem das Diabetesrisiko zumindest reduziert werden kann. 

Für Typ-2-Diabetiker gilt daher als erste Therapieform immer noch die Anpassung der Lebensweise. Diese basiert auf vier Säulen:

  • Gesunde Ernährung
  • Regelmäßige körperliche Betätigung
  • Maßvoller Alkoholkonsum 
  • Verzicht auf Zigaretten/Tabak

Insbesondere zu Beginn der Erkrankung reichen diese Maßnahmen häufig aus, um den Blutzuckerspiegel zu normalisieren. Zudem ist eine gesunde Lebensweise in der Lage, einer Diabetes Erkrankung vorzubeugen. Kann der Insulinspiegel nicht mit diesen Maßnahmen unter Kontrolle gebracht werden, ist eine medikamentöse Therapie mit oralen Antidiabetika angezeigt.

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