Zuzug von Flüchtlingen sieht man dort als Chance

Altena - Die Hauptstadt der Mutbürger

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Sie fühlen sich willkommen: Eine Flüchtlingsfamilie kurz nach ihrer Ankunft in Altena. Die Kleinstadt im Sauerland sieht Flüchtlinge als Chance, den Einwohnerschwund aufzufangen.

Altena - Raum ohne Volk – so könnte man die Situation der sauerländischen Kleinstadt Altena beschreiben. Mehr als 32.000 Menschen lebten hier nach der kommunalen Neuordnung im Jahr 1969, aktuell sind es noch etwas über 17 000. Deshalb versteht die Stadt den Zuzug von Flüchtlingen als Chance.

Im September 2015 sorgte Altena für überregionale Schlagzeilen, als Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein (52) anbot, 100 zusätzliche Flüchtlinge aufzunehmen. Das hatte es noch in keiner anderen NRW-Kommune gegeben. Seine Bedingung: Es müsse sich um Menschen mit „Bleibeperspektive“ handeln, also solchen, deren Asylantrag Aussicht auf Erfolg hat. Der CDU-Politiker hatte zuvor die Zustimmung aller fünf im Rat vertretenen Parteien eingeholt und vor allem ein Netzwerk unterschiedlichster Akteure geknüpft. In einem beachtlichen Kraftakt wurden etwa 20 Wohnungen vorwiegend von ehrenamtlichen Helfern von DRK, THW und Feuerwehr innerhalb weniger Tage soweit hergerichtet, dass die Flüchtlinge einziehen konnten.

Dass Altena keine Turnhallen belegen oder ähnliche Massenquartiere herrichten musste, ist natürlich dem Einwohnerschwund geschuldet: Die örtliche Baugesellschaft, deren Anteile mehrheitlich bei der Industrie liegen, hat eine Leerstandsquote von knapp 12 Prozent und erklärte sich sofort bereit, Wohnungen für die Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Bisher sind es etwa 40, bei Bedarf können noch weitere belegt werden. Auch mancher private Vermieter war froh, seine Wohnung endlich an den Mann bringen zu können. 

Kein Platz für Spekulanten

Altenas Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein im Gespräch mit Flüchtlingen in seiner Stadt

Spekulanten schob die Stadt einen Riegel vor: Mehr als vier Euro pro Quadratmeter zahlt sie nicht, die meisten Wohnungen sind billiger. Luxus ist also nicht vorgesehen, es wird weder tapeziert noch gibt es Teppichboden. Tisch, Schrank, Stuhl und Bett müssen reichen, hinzu kommen Kühlschrank, Herd und Waschmaschine. Dass sich zwei Männer ein Zimmer teilen müssen, ist normal. Oft also ausgesprochen karge Wohnungen, die irgendwie an Bilder von der Unterbringung der ersten Gastarbeiter erinnern.

Und doch soll alles ganz anders sein: Von den Fehlern, die damals bei der Integration gemacht wurden, müsse man heute lernen – dieser Satz taucht in den vielen Interviews, die Altenas Bürgermeister in den vergangenen Monaten geben musste, immer wieder auf. Deshalb wird darauf geachtet, dass die Flüchtlinge möglichst gleichmäßig über das Stadtgebiet verteilt sind. Es gibt nur zwei Häuser, die ausschließlich mit Zuwanderern belegt sind, die meisten wohnen im ganz normalen Bestand.

Sprachkurse in zwei Schichten

Ein Dach über dem Kopf macht noch keine Integration. Hier kommt das Stellwerk ins Spiel. Dieses „Generationenbüro“ wurde schon 2008 mit dem Ziel gegründet, das Potenzial der vielen älteren Menschen, die in der Stadt leben, ehrenamtlich zu nutzen. Bis Anfang 2015 bepflanzten die „Stellwerker“ die Blumenkübel in der Innenstadt und lasen in der Stadtbücherei Kindern vor. Jetzt kümmern sie sich um Flüchtlinge, und zwar mit viel Elan. Sprachkurse zum Beispiel laufen inzwischen in zwei Schichten, oft mit pensionierten Lehrern. Kinderbetreuungsangebote sorgen dafür, dass auch die Flüchtlingsfrauen daran teilnehmen können.

Kümmerer helfen den Flüchtlingen im Alltag

Kümmerin Nicole Möhling (links) ist für ihren Schützling Omyma aus Syrien da. Sie sind Freundinnen geworden.

Und dann gibt es noch die Kümmerer – sie heißen wirklich so. Um die meisten Flüchtlingswohnungen kümmern sich auf freiwilliger Basis Altenaer oder Altenaerinnen, die mit immer neuen Aufgaben konfrontiert werden. Hier müssen Flüchtlinge bei Behördengängen begleitet werden, dort gilt es, ihnen die Grundsätze deutscher Mülltrennung oder der Kehrwoche beizubringen. Eine Aufgabe mit vielen Herausforderungen also und doch begehrt: Die Stadt führt eine Warteliste von Menschen, die sich ebenfalls engagieren möchten. Die Kümmerer sorgten aber nicht nur dafür, dass sich die Flüchtlinge im deutschen Alltag besser zurechtfänden, betont Altenas Bürgermeister. Sie seien auch Multiplikatoren, die – zum Beispiel an Stammtischen und in den Vereinen – immer wieder klarmachen würden, dass die Flüchtlinge Hilfe verdienen und dass es sich lohnt, sich für deren Integration einzusetzen.

380 Flüchtlinge zurzeit in Altena

380 Flüchtlinge leben zurzeit in Altena, rund 100 davon sind Kinder. Sowohl am örtlichen Gymnasium als auch in einer der beiden Grundschulen wurden inzwischen „internationale Klassen“ gebildet, in denen Kindern im schulpflichtigen Alter Deutschkenntnisse vermittelt werden. Von den Drei- bis Sechsjährigen gehen immer mehr in die Kindergärten am Ort. Wenn er darüber spricht, dann kommen bei Hollstein auch schon mal Befindlichkeiten durch: Er ist seit 1999 im Amt, hat seitdem etliche Kindergartengruppen schließen müssen – „einfach schön“ sei es jetzt für ihn, sich mal um neue Betreuungsmöglichkeiten für Kinder kümmern zu dürfen, sagt er.

Bürgermeister will Wirtschaft mit ins Boot holen

Geduld ist nicht unbedingt eine Stärke des Altenaer Bürgermeisters. Deswegen mag er nicht allein auf die Agentur für Arbeit oder die IHK vertrauen, wenn es um die Eingliederung der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt geht, sondern nimmt auch das selbst in die Hand. Er hat neulich zum „Unternehmerfrühstück“ geladen. Fast alle wichtigen Firmen der Stadt waren dort vertreten und erklärten ihre Bereitschaft, Praktikumsplätze für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen – und zwar auch deshalb, weil Hollstein ihnen ein Konzept präsentieren konnte.

Flüchtlinge richten Wohnungen her

Zum Jahreswechsel hat die (finanziell arg gebeutelte) Stadt erstmals zusätzliches Personal für die Flüchtlingsbetreuung eingestellt. Zwei arabisch sprechende Teilzeitkräfte fragen seither nach und nach ab, welche berufliche Qualifikation die Flüchtlinge eigentlich mitbringen, um sie gezielt in geeignete Praktika schicken zu können. Bevor das passiert, wird bei ehrenamtlichen Tätigkeiten ein Blick darauf geworfen, wie es um die Arbeitsmoral bestellt ist. Damit wurde bereits begonnen: Unter Anleitung eines Kümmerers richten Flüchtlinge in einem Wohn- und Geschäftshaus in der Innenstadt zwei Wohnungen her, in die später Flüchtlinge einziehen sollen.

"Altena ist nicht Aleppo"

„Altena ist nicht Aleppo“ – Hollstein weiß, dass viele Flüchtlinge aus Großstädten stammen und dass es sie tendenziell auch bei uns in Ballungsgebiete zieht. Umso zufriedener ist er darüber, dass die meisten, die schon als Asylbewerber anerkannt sind und damit ihren Wohnort frei wählen dürfen, in Altena bleiben. Das zeige, dass sie hier erste Wurzeln geschlagen hätten, sieht er sein Kalkül aufgehen. Außerdem seien Flüchtlinge gut vernetzt und wüssten, dass das Leben in den Großstädten für sie nicht immer einfach sei. „Kleinstädte können Integration besser“, sagt er selbstbewusst und weiß einen prominenten Landespolitiker an seiner Seite: NRW-Bauminister Michael Groschek ist so begeistert vom Umgang der Altenaer mit ihren Flüchtlingen, dass er jüngst zu einer Journalistenreise in die Stadt an der Lenne einlud. Altena sei „Hauptstadt der Mutbürger“, sagte er dort vor laufenden Fernsehkameras.

Brandanschlag auf Flüchtlingshaus 

Feuerwehrleute am Ort des Brandanschlages.

Altenas Willkommenskultur ist nicht perfekt. Öffentlich äußert sich zwar nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Bürger gegen die städtische Flüchtlingspolitik. Am 3. Oktober 2015 allerdings brannte es in einem Haus, das am Tag zuvor von Flüchtlingen bezogen worden war. Nachbarn hatten den Brand eher zufällig entdeckt, als sie den Neuankömmlingen einen Antrittsbesuch abstatteten und verdächtigen Geruch bemerkten. 

Täter aus der Nachbarschaft

Den Schwelbrand auf dem Dachboden hatte die Feuerwehr schnell unter Kontrolle – die Ermittler der Kripo fanden tags darauf heraus, dass er schon viele Stunden vorher vorsätzlich gelegt worden war. Wer es war, stand eine Woche später fest: Zwei junge Altenaer gestanden der Polizei die Tat. Einer von ihnen wohnte nicht nur in der unmittelbaren Nachbarschaft, er war auch Feuerwehrmann. Als Motiv gaben die beiden an, dass sie sich über die Aufnahme der Flüchtlinge ärgerten.

Weltweite Berichterstattung

Die Staatsanwaltschaft Hagen wertete die Tat als schwere Brandstiftung und verzichtete darauf, einen Haftbefehl zu beantragen. Sie wurde daraufhin von Politikern wie dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Anton Hofreiter, scharf kritisiert. Der Fall sorgte für viel Aufsehen – selbst die Washington Post berichtete darüber. Inzwischen wurde Anklage erhoben – mit der Folge, dass das Landgericht Hagen nun prüft, ob die Tat nicht doch als Mordversuch gewertet werden muss. Dann wäre statt einer Strafkammer das Schwurgericht für den Prozess zuständig. Stadt und Baugesellschaft haben auf ihre Weise reagiert: Sie ließen die Brandschäden so schnell wie irgend möglich beseitigen und belegten das Haus dann wieder mit Flüchtlingen.

Fernsehtipp

215 von 396 Bürgermeistern in NRW haben Kanzlerin Angela Merkel geschrieben, vom Flüchtlingsstrom überfordert zu sein. Darunter ist auch Meerbusch, die Stadt mit dem höchsten Anteil an Einkommensmillionären in NRW. Notunterkünfte, Container und Fertigbauten neben Millionärsvillen und Maseratis – unter den Anwohnern regt sich Widerstand. Dass es anders geht, beweist Altena. Die finanziell gebeutelte Burgstadt nimmt mehr Flüchtlinge auf, als sie müsste. Der WDR zeigt Meerbusch und Altena in einer Zeit, in der die Herausforderungen immer größer werden.

Kommunen am Limit: Flüchtlinge: mal Last, mal Segen. Film von Sejla Didic-Pavlic. WDR-Fernsehen, Mittwoch, 10. Februar, 22.10 bis 22.55 Uhr

Quelle: wa.de

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