Toilettenjahr in Detmold: "Scheiße sagt man nicht!"

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Wie kam das Herz in die Toilettentür? Diese und viele weitere Fragen rund um die Toilettenkultur beantwortet die Sonderausstellung "Scheiße sagt man nicht!" im Freilichtmuseum Detmold.

Detmold - Jeder macht es. Aber keiner spricht drüber. Bis jetzt. Das Freilichtmuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe widmet sich in einer Jahresausstellung dem stillen Örtchen. Unter dem Titel "Scheiße sagt man nicht! - eine Ausstellung über/für Groß und Klein" geht es in der Saison 2016 um: die Toilette.

Keine Frage, der Gang zum Klo ist für die meisten Menschen etwas sehr Intimes, darüber zu reden ist ein Tabu. Doch war das Gefühl von Scham bei früheren Generationen auch schon so ausgeprägt? Seit wann gibt es die Wasserspülung und Toilettenpapier? Und wie funktioniert die Kommunikation auf öffentlichen Toiletten? Solche Fragen beantwortet das LWL-Freilichtmuseum Detmold in der Saison 2016. 

Im Mittelpunkt steht die Geschichte der Toilette und Hygiene. „Der Umgang mit der Toilette und die Entwicklung des stillen Örtchens im Laufe der Geschichte sagen sehr viel über das Leben früherer Generationen und unsere heutige Gesellschaft aus“, erklärt LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale. 

Vom Donnerbalken zum Leibstuhl

Wurde die Notdurft früher noch draußen verrichtet, beispielsweise auf dem Donnerbalken oder im hölzernen Aborthäuschen, so rückte schon mit dem Bau von Aborterkern an Burgen, Schlössern und Wohnhäusern die Toilette enger an den Wohnbereich heran. Zahlreiche Beispiele dieser unterschiedlichen Kloformen gibt es im Museumsgelände zu sehen. „Und auch in unserer Sammlung sind sehr interessante Objekte, die zeigen, dass dieses Thema ein wichtiger Aspekt der Alltagskultur ist“, ergänzt LWLMuseumsdirektor Prof. Dr. Jan Carstensen. 

Sogenannte Zimmerklosetts geben erst bei genauer Betrachtung ihre Funktion preis.

Vor allem die sogenannten Nacht- und Leibstühle veranschaulichen, dass das Verrichten der Notdurft schon früher gerne getarnt wurde. Sie geben erst bei genauer Betrachtung ihre Funktion preis. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Wohnmöbel, beispielsweise wie Kommoden, Sessel oder Nachtschränke. Auch wenn diese „Toiletten-Möbel“ längst aus der Mode gekommen sind, so gibt sich auch unsere heutige Gesellschaft alle Mühe, die unangenehmen Aspekte des Toilettengangs zu verstecken. Das Bad wird zur Wellnessoase, in der Duftspender oder Toiletten, die Musik abspielen, die natürlichen Gerüche und Geräusche übertönen sollen. „Niemand gibt gerne Einblick in seine Toilettengewohnheiten, aber manchmal kommen wir nicht mehr darum herum“, so Rüschoff-Thale. 

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„Wenn wir im Krankenhaus oder pflegebedürftig sind, erst dann wird einem so richtig bewusst, dass der Gang zur Toilette viel mit einem selbstbestimmten Leben zu tun hat.“ Es sei daher auch ein wichtiges gesellschaftliches Thema, das im LWL-Freilichtmuseum einen würdigen und passenden Rahmen gefunden habe, so die LWL-Kulturdezernentin. Denn auch die Grenzen der eigenen Autonomie werden in der Sonderausstellung thematisiert. 

Blick über den Schüsselrand

Aber auch Aspekte wie Ökologie, Hygiene, Krankheiten, Toilettenzubehör oder mittelalterliche Kloakenfunde finden sich in der Ausstellung. Zudem haben die Besucher die Gelegenheit zu einem Blick über den Schüsselrand auf vielfältige Toiletten aus aller Welt. Der Höhepunkt innerhalb der Sonderausstellung ist ein Raum, der wie eine öffentliche Toilette, etwa ein Bahnhofsklo, gestaltet ist. Die Wände wurden weiß gefliest und anschließend von fünf Illustratoren mit Ausstellungstexten und Zeichnungen im Graffiti-Stil beschriftet. Ein davon abgegrenzter „Tabubereich“ thematisiert den Zusammenhang von öffentlichen Toiletten, Sex und Drogen. „Dort können die Besucher selbst entscheiden, ob sie es sich ansehen möchten oder nicht“, so Ausstellungskuratorin Janina Raub. 

Doch auch Familien mit Kindern kommen nicht zu kurz, denn für die Kleinen ist ebenfalls ein Bereich eingerichtet, in dem sie sich spielerisch mit dem Thema Sauberkeitserziehung beschäftigen können. „Da wir in diesem Jahr nicht nur eine Ausstellung über das große und kleine Geschäft zeigen möchten, sondern auch für unsere großen und kleinen Besucher, haben wir sogar eigene Geländestationen für Kinder. Dabei können die jüngeren Besucher der bekannten Geschichte ‚Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat‘ von Werner Holzwarth und Wolf Erlbruch folgen und die verschiedenen Museumstiere noch einmal auf neue Art kennenlernen“, so Raub. 

Zahlreiche Beispiele zeigen die Schritte in der Entwicklung vom Donnerbalken zur Plasmatoilette.

Darüber hinaus gibt es auch im Jahresprogramm einige Veranstaltungen, die sich spielerisch und kreativ mit den Themen Toilette und Hygiene auseinandersetzen: von der Seifenherstellung über den Märchennachmittag mit Klolektüre bis hin zum Basteln mit Klorollen, von der Führung durch die Detmolder Kläranlage über das Flechten von Toilettenpapierkörbchen bis zum „Stoffwechselturbo Sauerkraut“.

Janina Raub dokumentiert die Entstehung und den Verlauf des Ausstellungsjahres in einem Blog. Unter #scheißesagtmannicht! sammelt die wissenschaftliche Volontärin im LWL-Freilichtmuseum auch Eindrücke und Toilettengeschichten von Besuchern. Sie hat viele interessante Fakten zusammengetragen. 

Das LWL-Freilichtmuseum in Detmold ist bis zum 31. Oktober täglich außer montags von 9 bis 18 Uhr geöffnet; Einlass bis 17 Uhr.

Bestand im Terminkalender haben auch im Themenjahr der Freilichtgenuss (3./4. September) und der Museumsadvent (2.-4. Dezember). Jeweils am 22. eines Monats ist der Eintritt frei (Ausnahme: Da der 22. August ein Montag ist, ist in dem Fall der 23. August eintrittsfrei.) Spannend ist auch die Möglichkeit für Schulklassen, auf dem Hof Remberg zu übernachten und dort an bis zu vier Tagen auszuprobieren, wie die Menschen früher gelebt haben. 


Quelle: wa.de

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