Befangenheitsantrag: Detmolder Auschwitz-Prozess unterbrochen

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Der aus den USA angereiste Auschwitz-Überlebende Joshua Kaufman (M) spricht im Verhandlungssaal in Detmold zu Medienvertretern. Das Gericht hatte seine Aussage nicht zugelassen.

Detmold - Der Detmolder Auschwitz-Prozess ist nach einem Befangenheitsantrag überraschend unterbrochen worden. Der Anwalt einer Nebenklägerin machte den Berufsrichtern am Freitag schwere Vorwürfe, weil das Gericht den aus den USA angereisten Auschwitz-Überlebenden Joshua Kaufman nicht als Zeugen vernehmen wollte.

Der 88-Jährige war nicht vom Gericht als Zeuge geladen worden. Ein Gutachter hatte im Prozessverlauf Details über den Todeskampf der Opfer geschildert. "Weiterer Beweise bedarf es nicht. Die Kammer hat in dieser Hinsicht keine Zweifel", sagte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda. Sie betonte, die Ablehnung des Zeugen erfolge aus Gründen der Prozessführung und nicht aus Mangel an Respekt.

Kaufman sollte nach dem Willen von Nebenklägern schildern, wie er als Häftling in Auschwitz Leichen aus den Gaskammern holen musste. "Weil das Gericht sich von diesem Zeugen nichts mehr berichten lassen will, scheint es befangen", sagte Anwalt Christoph Rückel. Dem schlossen sich allerdings nicht alle Nebenkläger an. Oberstaatsanwalt Andreas Brendel und Anwalt Thomas Walther, der mehrere Nebenkläger vertritt, lobten das Gericht für seine Entscheidung. Die Kammer muss jetzt unter Ausschluss der abgelehnten Berufsrichter bis zum nächsten Verhandlungstag am 20. Mai über den Befangenheitsantrag beraten.

Angeklagt ist der 94-jährige ehemalige SS-Wachmann Reinhold Hanning. Er muss sich wegen Beihilfe zum Mord an Hunderttausenden Juden im Vernichtungslager Auschwitz verantworten. Vor dem Streit um den Befangenheitsantrag hatten Hannings Anwälte angekündigt, dass dieser eine Reihe schriftlicher Nachfragen zu einer von ihm Ende April verlesenen persönlichen Erklärung über seine Zeit in Auschwitz nicht beantworten werde. Gründe nannten die Anwälte nicht.

Nebenklägervertreter Walther erwiderte: "Sie haben Geschichten erzählt wie ein Spaziergänger, der durch das Lager in Auschwitz geht. Sie haben eine große Chance vertan. Viele davon werden Sie nicht mehr bekommen in ihrem Leben. Eine weitere haben Sie noch beim Schlusswort in diesem Prozess", sagte Walther zu Hanning. Weitere Verhandlungstage sind für den 20. und 27. Mai angesetzt. - dpa

Quelle: wa.de

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