Legionellen in Warstein

Erkrankungswelle begann vor einem Jahr

In einem Klärbecken der Warsteiner Brauerei waren Legionellen nachgewiesen worden.

WARSTEIN - Vor einem Jahr starben in Warstein bei der bisher größten Legionellen-Infektionswelle in Deutschland zwei Menschen, 159 wurden mit schweren Lungenentzündungen in Krankenhäusern behandelt. Immer noch ist nicht genau klar, wo die Ursache für die Erkrankungswelle liegt.

„Das gönne ich keiner Stadt, was da über uns hereingebrochen ist“, sagt Warsteins Bürgermeister Manfred Gödde.

Wie der Anzeiger vor einem Jahr über die Erkrankungswelle berichtete, können Sie in unserer Timeline nachlesen.

Es gab eine Reisewarnung, Warstein wurde wochenlang von Auswärtigen gemieden. Bis heute sind die Folgen spürbar. „Ich werde immer noch auf die Legionellen angesprochen“, sagt Gödde. Neben den rund 160 Schwerkranken haben sich nach seinen Worten noch etwa 150 Menschen infiziert, die dann zu Hause von ihren Hausärzten behandelt wurden. „Viele Kranke sind noch heute angeschlagen. Sie gehen wackelig oder am Stock, einige liegen sogar noch ganz flach“, sagt der Bürgermeister.

Es hätte aber noch schlimmer kommen können. Glücklicherweise hatten die Ärzte im Warsteiner Krankenhaus Maria Hilf gleich den richtigen Verdacht und verabreichten die richtigen Medikamente, so dass es bei nur zwei Toten blieb.

Martin Peters ist sich sicher, dass er sich am 12. August vor einem Jahr infizierte. Neun Tage später kam der 57-Jährige für eine Woche ins Krankenhaus. Dass immer noch nicht klar ist, wie es zu der Erkrankungswelle kam, regt ihn auf: „Für mich ist mit das Wichtigste, dass endlich der Verursacher endgültig festgestellt wird und die Ursache ausgeschaltet wird.“

Millionenbeträge wurden und werden in die Aufrüstung der Kläranlagen des Ruhrverbandes und der Warsteiner Brauerei gesteckt, in denen sich hohe Konzentrationen der Bakterien fanden und immer wieder finden. Damit doktere man aber nur an Symptomen herum, sagt Peters. „Känale dicht machen und Becken abdecken, das reicht nicht aus.“

Hanses: Es darf sich nicht wiederholen

Ursachenforschung fordert auch Dagmar Hanses, Landtagsabgeordnete der Grünen aus Warstein ein. „Das darf sich nirgendwo wiederholen. Deshalb muss geklärt werden, wie das genau passiert ist. Das ist man den Menschen hier im Ort schuldig.“ Mit der Melde- und Wartungsplicht für Rückkühlwerke, die auf Antrag der Düsseldorfer Landesregierung derzeit im Bundesrat beraten werde, gehe man zumindest einen ersten richtigen Schritt.

Denn festzustehen scheint, dass die Bakterien aus den Kläranlagen über eine Kühlanlage der Firma Esser in die Luft geblasen und dann von den Erkrankten eingeatmet wurden. NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) geht davon aus, dass die genaue Ursache nicht geklärt werden kann, weil das Thema „Legionellen im Abwasser“ bis vor einem Jahr keines gewesen ist.

Vermutlich haben verschiedene Faktoren die explosionsartige Vermehrung der Bakterien begünstigt. „Die heiße Suppe aus der Brauerei mit Hefe, Hopfen und Malz ist eine Fitness-Kur für die Viecher“, sagt Bürgermeister Gödde. Und Bier werde nun einmal gekocht, deshalb seien die Abwässer so warm und reich an Nährstoffen. „Aber das Problem haben alle Brauereien in Deutschland und Europa weit. Und die haben alle darauf reagiert.“

Die Brauerei selbst will sich zum Thema Legionellen nicht äußern. Sie hatte im vergangenen Herbst zumindest zeitweilig Einbußen gehabt, weil viele Menschen dachten, die Bakterien seien auch im Bier. „Das Bier ist sauber“, betont Gödde, die Bakterien seien nur im Abwasser der Stadt gefunden worden.

Neben dem Image-Schaden für die Stadt gibt es wirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe. „Das lässt sich nicht beziffern, wie viele Hotels nicht gebucht wurden, weil wir die Reisewarnung hatten, wie viele Paar Schuhe nicht gekauft wurden, wie viele Touristen nicht gekommen sind“, sagt Gödde.

Unternehmen litten unter den Folgen der Reisewarnung

Auch nach Aufhebung der Reisewarnung litten viele Unternehmen noch monatelang unter den Folgen. Nils Hopf wurde mit seinem Installationsbetrieb beispielsweise von Lieferanten nicht angefahren. „Ich musste die überreden, dass wir zumindest irgendwo außerhalb des Ortes eine Übergabe machen konnten, damit wir unser Material bekamen.“

War Warstein früher überall wegen des Bieres bekannt, werden die Warsteiner nun überall in der Republik auf die Legionellen angesprochen. „Ich war jetzt einige Tage in Bad Kissingen. Als ich gesagt habe, dass ich aus Warstein komme und eine der Erkrankten bin, hat man mich gefragt, ob ich das Virus noch in mir habe“, sagt Betty Römer-Götzelmann.

Die 78-Jährige ist eine von rund einem Dutzend Betroffener, die jetzt gemeinsam einen Rechtsanwalt beauftragt haben, um die Suche nach der Ursache und einem möglichen Verursacher zu beschleunigen. Sollte der gefunden werden, soll eine Schmerzensgeld-Klage eingereicht werden. „Es geht uns dabei nicht um Geld, sondern darum, das so etwas nicht noch einmal passiert. Weder in Warstein noch anderswo“, sagt Martin Peters.

Doch derzeit besteht wenig Hoffnung, einen Schuldigen dingfest zu machen. „Wir haben bisher keine Hinweise drauf, dass jemand dafür strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann“, sagt der Arnsberger Oberstaatsanwalt Werner Wolff. Allerdings liegt immer noch kein abschließendes Gutachten vor. Grund: der Gutachter ist seit Jahresbeginn krank.

dpa

Quelle: wa.de

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