Interview mit Antonia Kreul vom Flüchtlingsrat NRW

Integration durch Sport: „Erfolgreich und gewinnbringend“

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Antonia Kreul vom Flüchtlingsrat NRW.

Westfalen - Über die heilsame Wirkung von Sport für Körper und Seele ist viel bekannt. Dass sportliche Aktivität auch bei der Integration von Flüchtlingen helfen, weiß Antonia Kreul vom Flüchtlingsrat NRW. Im Gespräch mit Sandra Oelschläger berichtet sie über die Funktion von Sport und gelungene Beispiele.

Was kann Sport in der Arbeit mit Flüchtlingen leisten? 

Antonia Kreul: Die teilweise restriktive Gesetzgebung, der Flüchtlinge in Deutschland unterliegen – Arbeitsverbote, Wohnsitzauflagen, fehlender Zugang zu Integrationskursen und so weiter – und die oft lang andauernden Asylverfahren führen dazu, dass Flüchtlinge gezwungen werden, verunsichert und untätig in überfüllten Unterkünften auf den Ausgang ihres Asylverfahrens zu warten. Die dabei empfundene Ohnmacht wird von vielen Flüchtlingen als sehr belastend beschrieben. Sport kann die Betroffenen von ihrer Lebensrealität und den häufig traumatischen Erinnerungen an ihre Flucht ablenken, er kann ihnen Struktur geben und ein Gefühl des in Deutschland Willkommenseins vermitteln.

Wieso ist Sport eine so gute Integrationshilfe? 

Kreul: Gerade aufgrund der isolierten Lagen von Flüchtlingsunterkünften oder Vorurteilen, die Flüchtlingen entgegengebracht werden, ist der erste Kontakt zu der deutschen Bevölkerung oft schwierig. Sport schafft die Möglichkeit einer Begegnung auf Augenhöhe. Es geht nicht darum, woher jemand kommt oder was er erlebt hat. Menschen können sich unbefangen und offen kennenlernen und eventuell anfreunden.

Gibt es Beispiele für gelungene Integration durch Sport? 

Kreul: In Düsseldorf-Gerresheim sollte ein junger 17-Jähriger Mann aus Guinea abgeschoben werden. Der Fußballverein, in dem der junge Mann spielen durfte, versuchte alles, um diese Abschiebung zu verhindern – mit Erfolg! Teutonia Ehrenfeld, ein Fußballverein in Bochum, lässt Flüchtlinge nicht nur an ihrem Training teilnehmen, der Verein stellt auch die Vereinsräumlichkeiten für diverse andere Angebote für Flüchtlinge – Kreativ- oder Deutschkurse – zur Verfügung. Im April durften dann sogar 650 Flüchtlinge und deren Unterstützer und Unterstützerinnen kostenlos ein Heimspiel von VfL Bochum im rewirpower-Stadion besuchen. Ein riesiges Event, ein klares Statement in Richtung Willkommenskultur und ein sehr schöner Nachmittag für alle Beteiligten.

Wieso wird nicht in viel mehr Kommunen ein gemeinsames Sportprogramm angeboten, wenn die Erfolge so beachtlich sind? 

Kreul: Ein Fall, in dem sich eine Kommune für ein gemeinsames Sportprogramm eingesetzt hat, ist uns leider nicht bekannt. Wenn diese Angebote für Flüchtlinge geschaffen werden, dann von engagierten Vereinen. Meist sind es sogar nur Einzelpersonen aus den Vereinen, die den Kontakt zu Flüchtlingen herstellen und sich dafür einsetzen, dass Angebote auch für diese Gruppe geöffnet, oder geschaffen werden und es könnten durchaus noch mehr Vereine sein. Vielleicht wissen viele Vereinsmitglieder nicht, dass sich in der Nähe eine Flüchtlingsunterkunft befindet, oder es bestehen zunächst Berührungsängste. Es scheint sowohl bei den Vereinen als auch bei den Kommunen noch nicht genügend bekannt zu sein, wie erfolgreich und gewinnbringend solche Projekte für beide Seiten sein können. Wir hoffen jedoch, dass sich dies zunehmend ändert.

Wo finden Vereine oder Einzelpersonen Unterstützung? 

Kreul: Der Landessportbund NRW oder Flüchtlingsberatungsstellen vor Ort können Vereine beraten, wenn ein Angebot für Flüchtlinge geschaffen werden soll.

Quelle: wa.de

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