Vom Rasen hinter dem Rathaus nach Syrien und Marokko

+
Mahmoud Aldarwish (l.) aus Syrien und Sofian Bechiba (r.) aus Marokko surfen auf der kleinen Grasrampe hinter dem Rathaus im Internet.

Anröchte - Ihr Blick ist gesenkt, während sie durch Anröchte spazieren. In der Hand: ein Smartphone. Immer wieder bricht die Verbindung ab, wenn sie überhaupt Empfang haben.

Denn die Grenze des Datenvolumens, das Mahmoud Aldarwish aus Syrien und Sofian Bechiba aus Marokko für ihre Handys zur Verfügung steht, ist schnell erreicht. Hinter dem Rathaus auf einer kleinen Rasenrampe lassen sich die beiden Flüchtlinge nieder. Endlich: Hier ist die Verbindung stabil, im WLAN-Netz des Rathauses. Flüchtlinge, die mit dem Smartphone ins Internet gehen wollen? Purer und überflüssiger Luxus mag da manch einer denken.

In Wahrheit ist dies eine der wenigen und günstigsten Möglichkeiten für sie, den Kontakt in die Heimat zu halten. Dorthin, wo Familie und Freunde noch immer mitten in den Wirren des Krieges zurechtkommen müssen. Mahmoud Aldarwish rückt auf dem Rasen ein kleines Stück weiter. „Genau hier ist der Empfang am besten“, sagt er. Der 25-Jährige muss es wissen, kennt er sich doch als Informationstechniker mit dieser Materie bestens aus. Ein wenig frustriert ist er inzwischen schon. Sechs Monate ist er mittlerweile in Anröchte. Deutschland ist nach Spanien seine zweite Station in Europa, nachdem er aus dem kriegsgeplagten Syrien über verschiedene Länder geflüchtet ist. Das gelobte Land, in dem alle einen Job und ein eigenes Haus haben, ist Deutschland bislang für ihn jedoch nicht. Auch wenn dieses Bild den Vorstellungen vieler Menschen im Ausland entspricht, wie er sagt.

Aufenthaltserlaubnis würde vieles erleichtern

Durchaus bewusst ist sich der Syrer der Situation, in der sich die Deutschen derzeit befinden. „Es kommen im Moment sehr viele Menschen hierher, die alle versorgt und untergebracht werden müssen“, weiß er. Gleichwohl fällt Alderwish bisweilen die Decke auf den Kopf. „Ich habe jeden Tag 24 Stunden Zeit. 12 Stunden schlafe ich, den Rest muss ich irgendwie rumkriegen.“ Dabei möchte er so gern arbeiten, produktiv sein. Doch noch hat er seine Aufenthaltserlaubnis nicht, die ihm viel Erleichterung bringen würde. „Freunde von mir, die in anderen Städten untergekommen sind, haben die lang ersehnten Dokumente zum Teil bereits bekommen“, berichtet der Syrer. Was ihm vorerst helfen würde, wäre ein dauerhafter Internetempfang und zwar dort, wo er zurzeit lebt: in der Asylunterkunft an der Lippstädter Straße.

Der Austausch mit der Familie in Syrien und gleichzeitig die Chance, sich vernünftig mit seinem beruflichen Hintergrund im Bereich der Informationstechnologie auseinandersetzen zu können, wären so gegeben. Mahmoud Aldarwish hat sich inzwischen selbst schlau gemacht. Ein Telefonkonzern hätte ihm dort einen Anschluss eingerichtet. Doch die Unterkunft gehört der Gemeinde Anröchte, der Anschluss kann also nur per Auftrag aus dem Rathaus erfolgen. „Der Auftrag für den Anschluss dort wird erteilt“, erläutert dazu Hauptamtsleiter Wolfgang Dreger Planungen der Gemeinde. Gleichermaßen sei in der Unterkunft am Südring die Einrichtung eines WLAN-Hotspots angedacht. Voraussetzung dort sei ein Telefonanschluss – und mit dem habe es ein wenig länger gedauert. An der Lippstädter Straße müsse der Anschluss noch von analog auf digital umgestellt werden, dann sei auch dort technisch der Weg für einen WLAN-Hotspot frei.

W-LAN-Hotspots in Flüchtlingsheimen

Mit Internet an beiden Standorten rechnet Wolfgang Dreger deshalb innerhalb der nächsten Wochen. „Und im Bürgerhaus haben wir ja ohnehin einen Hotspot, der natürlich auch von den Flüchtlingen genutzt werden kann“, so der Hauptamtsleiter. Hotspots werden somit in allen Flüchtlingsheimen – nicht in den angemieteten Wohnungen – eingerichtet. Wohl gemerkt: „Es handelt sich dabei nicht um eine Pflichtaufgabe der Gemeinde, aber gehört aus unserer Sicht gewissermaßen zur Grundausstattung in den Flüchtlingsunterkünften“, erklärt Wolfgang Dreger. Zugleich weist Sozialamtsleiter Ralf Hüls darauf hin, dass eines im Zuge der Abwägungen an allererster Stelle stehe: „Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Menschen, die zu uns kommen, ein Dach über dem Kopf haben. Die Vermeidung von Obdachlosigkeit hat daher absolute Priorität.“

Für Mahmoud Aldarwish und Sofian Bechiba heißt es daher, sich noch ein wenig in Geduld zu üben und sich – wie auch ein gutes Dutzend weiterer Flüchtlinge – vorerst täglich hinter dem Rathaus ins Internet einzuloggen. In wenigen Wochen werden sie dann auch aus ihrer Unterkunft den schnellen Kontakt zur Familie suchen können.

Quelle: wa.de

Mehr zum Thema

Kommentare