Gänsehaut am Götzeschuh

Deutsches Fußballmuseum in Dortmund will zum "Ballfahrtsort" werden

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Riesenball zum Riesentriumph: Dem WM-Titel 2014 ist der größte Ausstellungsbereich im neuen Fußballmuseum in Dortmund gewidmet – ein multimediales Feuerwerk.

Dortmund - Es sind die ersten Spielminuten im neuen Fußballmuseum, doch Wolfgang Niersbach versprüht in Dortmund nicht gerade Eröffnungs-Vorfreude. Die Fifa-Korruptionswolken werfen Schatten auf das Gesicht des DFB-Präsidenten, und der weist denn auch als erstes die „unberechtigten Vorwürfe“ im Zusammenhang mit der angeblich gekauften Weltmeisterschaft 2006 strikt zurück. Eine gute halbe Stunde später, nach einem flotten ersten Rundgang durch die schicke neue Schatzkammer des deutschen Fußballs, wirkt Niersbach etwas entspannter. Das Museum habe ihm „Gänsehaut“ beschert, sagt er mit Blick auf Mario Götzes WM-Final-Tor-Schuhe. Ab Sonntag wird das Museum auch vielen Fußballfans etliche wohlige Momente bereiten.

Sicher, von außen wirkt der Schuhkarton-ähnliche Klotz gegenüber dem Dortmunder Bahnhof immer noch etwas nüchtern. Mag sein, dass sich das ändert, wenn dort Spielszenen über die Außenwände flimmern.

Mario Götzes Schuhe vom WM-Finale 2014 in Rio de Janeiro. An den Stollen klebt noch Rasen vom Maracanã-Stadion.

Drinnen aber kann man als Besucher tief in die deutsche Fußballgeschichte eintauchen – und vor allem in Emotionen baden. Spektakulär bunt ist schon der Auftakt der Museumstour. Per Rolltreppe geht es hoch in den Bereich der Dauerausstellung, flankiert vom gigantischen Wimmelbild der Hammer Grafikerin Diana Köhne, die den Besucher mitnimmt auf eine Deutschland-Reise durch die Welt der Fußballfans. Und dann ist man mittendrin in der Welt der deutschen Fußballhelden – angefangen bei jenen von Bern, die im Halbkreis um den Original-Finalball von 1954 stehen. Eines der spektakulärsten Ausstellungsstücke.

1600 Exponate erzählen alle eine Geschichte

Insgesamt sind es mehr als 1600 Exponate, die man in Dortmund zeigt. Stücke, „die alle eine besondere Geschichte erzählen“, wie es Museums-chef Manuel Neukirchner sagt.

Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund

Zu sehen gibt es auf jeden Fall genug. Da ist die Mütze von Bundestrainer Helmut Schön, Weltmeistertrainer von 1974. Da ist der Elfmeterpunkt aus Rom, von dem aus Andy Brehme 1990 gegen Argentinien den WM-Finalsieg klarmachte. Da sind Götzes Gold-Schuhe von Rio 2014 – noch mit Rasenresten zwischen den Stollen.

Reichlich Schätze hat das Museum zusammengetragen, auch skurrile darunter wie etwa einen Stein aus dem Berner Wankdorfstadion, in dem Herbergers elf Freunde zu Deutschlands ersten Fußball-Überhelden wurden – und das vor wenigen Jahren abgerissen wurde.

Reichlich Möglichkeiten der Interaktion

Besonderen Spaß aber machen die vielen Möglichkeiten, sich selbst im Museum auszuprobieren. Sein Phrasen-Wissen beim Herberger-Quiz zu testen. Oder das Wembley-Tor von 1966 aus verschiedenen Perspektiven selbst zu prüfen. Es gibt reichlich Möglichkeiten der Interaktion.

Und es gibt noch viel, viel mehr Filmmaterial, das historische Fußballmomente auf großen Leinwänden, Monitoren oder auch in einem 3-D-Kino wieder aufleben lässt. Größten Raum nimmt dabei der WM-Sieg von 2014 ein, der für die Museumsmacher zur Herausforderung wurde.

„Die Ausstellung war eigentlich fix und fertig“, erzählt Neukirchner. Rund 400 spektakuläre Quadratmeter sind nun Jogi Löws Titelkrönung gewidmet: „Das war ein echter Herkulesakt für uns“, sagt der Museumschef.

Ein 36 Millionen Euro teures Märchen

Überhaupt hatten die Museumsmacher seit dem ersten Spatenstich vor gut drei Jahren etliche Kraftakte zu leisten. Dauerregen hatte die Baugrube geflutet, einige am Bau beteiligte Unternehmen gingen pleite. Ein „Jahrhundertprojekt“ nennt entsprechend auch Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau den Bau, der ein „Museumsmärchen“ geworden sei. Ein 36 Millionen Euro teures Märchen.

Märchenhaft mutet denn auch die „Schatzkammer“ an, in die man nach dem Abstieg ins Erdgeschoss gelangt. Hier glänzen in den Vitrinen all die EM- und WM-Trophäen, die Fußballdeutschland bislang gesammelt hat.

Und, so betont Museumschef Neukirchner: „Wir haben auch genug Platz, sollten weitere Pokale dazukommen.“

270.000 Zuschauer pro Jahr zur Kostendeckung

Weiter geht es nun vom Bereich der Nationalmannschaft in die Welt der Vereine – von den Anfängen bis zu Bundesliga und DFB-Pokal. Und auch hier, zwischen Fohlenelf, HSV-Baumwolltrikots und Revierschlager-Vitrine, lässt es sich wunderbar nostalgeln, mit Schiedsrichtern Regelkunde studieren oder das Auge an Fan-Utensilien weiden.

Rund 270.000 Zuschauer brauchen die Museumsmacher im Jahr, um kostendeckend arbeiten zu können. Museumschef Neukirchner rechnet allerdings mit einem weit größeren Andrang. Er ist überzeugt, dass das Museum zum „Ballfahrtsort“ für Fußballfans werden kann.

Quelle: wa.de

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