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Mutmaßliche Terrorzelle zerschlagen - Hinweise auf Ziel in Berlin

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Polizeifahrzeuge stehen vor dem Erstaufnahmeauflager für Flüchtlinge in der Rundturnhalle in Attendorn.

[Update, 17.30 Uhr] Attendorn/Berlin - Vier Islamisten sollen die deutsche Hauptstadt ins Visier genommen haben. Die Polizei schlägt zeitgleich in drei Bundesländern zu. Über ein Anschlagsziel im Herzen Berlins sollen die Verdächtigen am Telefon gesprochen haben.

Vier Anhänger der Terrormiliz IS haben womöglich einen Anschlag in der deutschen Hauptstadt geplant. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen wurde ihr Vorhaben im Frühstadium durchkreuzt, konkrete Anschlagsziele waren noch nicht ausgekundschaftet. Die mutmaßliche islamistische Terrorzelle wurde am Donnerstag bei einer groß angelegten Razzia von Hunderten Polizisten in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zerschlagen.

Ermittelt wird gegen vier Algerier im Alter zwischen 26 und 49 Jahren wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, wie die Polizei in Berlin mitteilte. Es gab drei Festnahmen.

Terrorverdächtiger in Attendorn festgenommen

Als Hauptverdächtiger gilt ein 35-Jähriger, der in einem Flüchtlingsheim in Attendorn festgenommen wurde - jedoch nicht wegen der möglichen Anschlagsplanungen. Ob dies daran lag, dass zu diesem Verdachtsmoment bislang nicht genügend Beweismaterial vorlag, blieb zunächst offen.

Mit internationalen Haftbefehlen gesucht

In dem Heim wurde ebenfalls seine 27 Jahre alte Ehefrau festgenommen. Beiden wird von algerischen Behörden Mitgliedschaft in der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vorgeworfen. Sie waren mit internationalen Haftbefehlen gesucht worden, die nun von deutscher Seite vollstreckt wurden, wie ein Sprecher der Berliner Polizei sagte. 

Die Frau sei im Fall der mutmaßlichen Anschlagsplanung in Berlin keine Beschuldigte, gelte aber als mögliche Kontaktperson.

Militärisch ausgebildet

Der 35-jährige Hauptverdächtige, der wahrscheinlich auch militärisch ausgebildet und laut Polizei im syrischen Kampfgebiet gewesen ist, kam nach dpa-Informationen über die sogenannte Balkanroute nach Bayern und wurde dort als Flüchtling registriert. Nach ersten Hinweisen auf Anschlagspläne sei der Mann dann in Nordrhein-Westfalen ausfindig gemacht worden.

"Es geht um mögliche Anschlagsplanungen für Deutschland - konkret für Berlin", sagte der Sprecher der Berliner Ermittlungsbehörde, Martin Steltner, der Deutschen Presse-Agentur. Ein Sprecher des NRW-Innenministeriums sagte: "Wir haben derzeit keine Hinweise, dass Anschläge in NRW - auch nicht im Zusammenhang mit Karneval - geplant worden sind."

Stadtzentrum lohnenswertes Angriffsziel

Nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen hatten sich die verdächtigen Islamisten in abgehörten Telefonaten über mögliche Anschlagsziele in Berlin unterhalten. Demnach sollen die Männer auch beraten haben, ob der "Checkpoint Charlie" im Stadtzentrum ein lohnenswertes Angriffsziel sein könnte. 

Der frühere Grenzkontrollpunkt zwischen Ost und West ist ein Touristenmagnet. Eine Verbindung zu den Terrorwarnungen an Silvester in München oder zur Absage eines Fußball-Länderspiels in Hannover im November sei derzeit nicht zu erkennen, hieß es in Sicherheitskreisen.

Verbindungen zu belgischen Islamisten

Nach dpa-Informationen hatte einer der Verdächtigen, der bei einer Durchsuchung in Hannover gefunden, aber nicht festgenommen wurde, Verbindungen zu belgischen Islamisten. Der 26-Jährige sei vor wenigen Wochen mindestens einmal in die Brüsseler Gemeinde Molenbeek gereist, hieß es in Sicherheitskreisen. 

Dort gelebt hatte auch der getötete mutmaßliche Drahtzieher der islamistischen Anschläge in Paris vom 13. November, Abdelhamid Abaaoud. In Berlin wurde ein 49-jähriger Algerier festgenommen - auch er aber nicht wegen der mutmaßlichen Anschlagsplanungen.

Laut Polizei lag gegen ihn ein Haftbefehl wegen Urkundenfälschung vor. Ein weiterer Verdächtiger wurde in Berlin angetroffen, jedoch nicht festgenommen. Beide Männer lebten schon länger in der Hauptstadt und arbeiteten auch hier.

Weder Waffen noch Sprengstoff gefunden

Der Arbeitsplatz des einen Verdächtigen, ein Backshop am Berliner Alexanderplatz, wurde durchsucht. Konkrete Hinweise auf den stark frequentierten Platz im Stadtzentrum als Anschlagsziel gebe es aber nicht, betonte Redlich. 

Bei den Durchsuchungen seien weder Waffen noch Sprengstoff gefunden worden. Die mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle hatten verschlüsselt kommuniziert und unter großer Geheimhaltung verdeckt operiert, wie die dpa aus Sicherheitskreisen erfuhr. Ein Bezug ins Bürgerkriegsland Syrien habe sich bei wochenlangen Ermittlungen ergeben. 

Um den Jahreswechsel herum hätten sich die Erkenntnisse gegen die Männer verdichtet. Demnach wollte die Gruppe in Berlin zusammenkommen, um Attentate vorzubereiten.

450 Beamte im Einsatz

Das Berliner Landeskriminalamt leitete die Aktion der zeitgleichen Durchsuchungen. Rund 450 Beamte stellten Computer, Mobiltelefone und Aufzeichnungen sicher. 

Die Beweismittel sollten nun ausgewertet, die Festgenommenen einem Haftrichter vorgeführt werden. - dpa

Wie reagiert die Attendorner Karnevalsgesellschaft?

Welche Konsequenzen die Festnahme für den Attendorner Straßenkarneval hat, wollte unsere Redaktion von Marc Rohrmann, Präsident der Attendorner Karnevalsgesellschaft "Die Kattfiller", wissen.

Marc Rohrmann (re.), Präsident der Attendorner Karnevalsgesellschaft "Die Kattfiller", setzt nach der ISIS-Festnahme in Attendorn auf das umfassende Sicherheitskonzept für den Straßenkarneval. "Wenn von oben nichts kommt, läuft hier alles ganz normal weiter", sagte der Präsident.

"Ich bin froh, dass sie ihn haben", sagte Rohrmann mit Blick auf den von ihm mitverantworteten Straßenkarneval am Rosenmontag und am Veilchendienstag, bei dem zehntausende Besucher in der Hansestadt erwartet werden.

Rohrmann verwies auf das umfassende und von den Behörden abgesegnete Sicherheitskonzept, das man im Vorfeld erarbeitet habe. "Es gibt keine Sondersitzung. Wir gehen heute ganz normal in den Karneval rein", erklärte der Kattfiller-Präsident. 

Der Islamist hätte seiner Meinung nach genauso gut in jeder anderen Stadt aufgegriffen werden können. "Es ist ein Zufall, dass es ausgerechnet Attendorn war", befand Rohrmann. "Wenn von oben nichts kommt, läuft hier alles ganz normal weiter", versuchte er die Festnahme nicht überzubewerten.

"So eine Bedrohung aus dem Untergrund wäre auch schon vor zwei Jahren möglich gewesen. So etwas kann praktisch täglich überall passieren." Wenn es danach gehe, müsse man alle Großveranstaltungen in Deutschland absagen - "und das kann es ja auch nicht sein", sagte Rohrmann abschließend.

Quelle: wa.de

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