Halbzeit im Auschwitzprozess und noch immer Schweigen

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Das Gebäude der Industrie- und Handelskammer (IHK) dient in Detmold als Gerichtssaal.

Detmold - Seit knapp zwei Monaten steht Ex-SS-Wachmann Reinhold Hanning wegen Beihilfe zum Mord in 170 000 Fällen vor Gericht. Die erste Hälfte des aufsehenerregenden Prozesses war geprägt von den Zeugenaussagen mehrerer KZ-Überlebender. Vom Angeklagten dagegen kein Wort.

Seit sieben Prozesstagen schweigt der ehemalige SS-Wachmann Reinhold Hanning beharrlich. Den in sich versunken wirkenden Angeklagten im Rollstuhl hält die Staatsanwaltschaft der Beihilfe zum Mord in 170 000 Fällen für schuldig. 

Freiwillig hatte er sich demnach schon als junger Mann zur Waffen-SS gemeldet, war mehr als zwei Jahre in Auschwitz und wurde so Teil der Vernichtungsmaschinerie. All das ist nur bekannt aus den Akten. Den Kopf gesenkt, weicht der 94-Jährige den Blicken von Richtern, Zeugen, Staatsanwalt und Nebenklägern aus, seit der aufsehenerregende Prozess vor nicht ganz zwei Monaten begann.

Acht Wochen sind es noch, dann könnte ein Urteil fallen. Dass er bis dahin das ihm zustehende Schweigen bricht, hoffen vor allem die Opfer des Holocaust und ihre Nachfahren. Die Körpersprache des Angeklagten sei für seine Mandanten nur schwer zu ertragen, sagt Anwalt Thomas Walther. Er vertritt eine Reihe von Überlebenden, die in den ersten Verhandlungstagen bereits als Zeitzeugen über ihre grauenhaften Erfahrungen im Konzentrationslager berichtet hatten. 

Ihren bestürzenden Aussagen hat das Gericht in der ersten Prozesshälfte den größten Raum eingeräumt: In bewegenden Vorträgen konnten die Hochbetagten schildern, welcher Brutalität, Grausamkeit und Willkür sie als Häftlinge vor mehr als 70 Jahren in Auschwitz ausgesetzt waren. Was die Überlebenden berichten, mag bekannt sein aus Geschichtsbüchern. Und doch verleihen ihre unmittelbaren Zeitzeugnisse der Frage große emotionale Wucht, was Auschwitz für Opfer hieß und welche Rolle die SS darin spielte. 

"Die Hoffnung der Nebenkläger richtet sich auf ihren eigenen Lebenswunsch, den ermordeten Eltern und Geschwistern eine Identität und ein Gesicht zurück zu geben, welche ihnen in Auschwitz auf grausamste Weise genommen wurde", sagt Walther. Er und sein Kollege Cornelius Nestler hatten die Anklageschrift zum Prozessauftakt als bemerkenswert gewürdigt: Wenn auch viel zu spät verspreche die Hauptverhandlung Gerechtigkeit für die Überlebenden und ihre Nachfahren. 

Die Hoffnungen scheinen bislang aufzugehen: Neun Überlebende aus Israel, Kanada, Deutschland und den USA sind vor der Detmolder Strafkammer zu Wort gekommen, weitere Zeitzeugenberichte könnten folgen. "Die Nebenkläger finden in diesem Verfahren vor einem deutschen Gericht in ungeahnter Weise Formen des Friedens", sagt Walther inzwischen. 

Chefankläger Andreas Brendel von der Dortmunder Schwerpunktstaatsanwaltschaft für NS-Verbrechen sieht das nüchterner: Ihm gehe es vor allem darum, Beweise für die Schuld des Angeklagten vorzubringen. Er will das Gericht davon überzeugen, dass die Wachleute allein dadurch schuldig sind, dass sie durch ihren Dienst zum Funktionieren der Tötungsmaschine Auschwitz beitrugen: Sie bewachten die Selektionen, die Rampe, wo die Deportationszüge ankamen. Nicht zuletzt sicherten Wachleute wie Hanning die unmenschlichen Bedingungen des Lagers, die ganz darauf ausgelegt waren, Menschen zu töten. 

Dass Hanning mehrere Jahre als Teil der SS-Wachmannschaften in Auschwitz eingesetzt war, dokumentieren Archivunterlagen von LKA und Staatsanwaltschaft, die nun im weiteren Prozessverlauf noch genauer betrachtet werden. Auch mehrere Sachverständige sind geladen, darunter ein Historiker, der Auskunft geben soll über die Rolle von Wachkompanien in Auschwitz im Allgemeinen. 

"Für die Opfer geht es hier um viel Symbolik", unterstreicht auch Brendel die Bedeutung des Prozesses für die vom NS-Regime Verfolgten. "Es ist aber kein Schauprozess, mit dem wir Sünden der Vergangenheit irgendwie wettmachen wollen", betont er. "Wir sitzen hier, weil Mord und Mordbeihilfe nicht verjähren. Nicht mehr und nicht weniger". 

Ob der Angeklagte sich in den kommenden neun angesetzten Prozesstagen noch persönlich zu den Vorwürfen und seiner Vergangenheit äußern wird, bleibt offen. Mehr als eine Erklärung zu seiner militärischen Laufbahn haben seine Verteidiger bislang nicht in Aussicht gestellt.

dpa/lnw

Quelle: wa.de

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