Der leise Tod eines Kleinkindes - Mutter aus Winterberg auf der Anklagebank

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Symbolbild

Winterberg - Ein Kleinkind verhungert, weil die Mutter mit der Betreuung ihrer neun Kinder überlastet ist. Die Frau muss sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Im Prozess gerät auch das Jugendamt in den Blick der Ermittler. Hätte die Behörde den Tod verhindern können?

Der kleine Junge verhungerte. Abgemagert bis auf die Knochen brachte die Mutter ihren Zweijährigen im Februar 2014 wegen einer Durchfall-Erkrankung in ein Krankenhaus. Die vom Zustand des Jungen geschockten Mediziner konnten ihm nicht mehr helfen. Nur einen Tag später starb er. Nun muss sich die 38 Jahre alte Mutter vor dem Amtsgericht im sauerländischen Medebach wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Am Dienstag (16. Februar) wird mit einem Urteil gerechnet. 

Die Anklage wirft der Frau aus Winterberg vor, sich nicht ausreichend um ihre Kinder gekümmert zu haben. Auch die damals neun Monate alte Tochter der Frau war unterernährt und ausgetrocknet. Sie überstand die Magen-Darm-Erkrankung nur knapp. Deshalb wird der Frau auch fahrlässige Körperverletzung angelastet. Vorsatz unterstellt Staatsanwalt Klaus Neulken der 38-Jährigen aber nicht: Die neunfache Mutter sei einfach überfordert gewesen, und da seien die kleinen Kinder offenbar nicht genügend beachtet worden. Gerade einmal etwas über sechs Kilogramm wog der Zweijährige, als er in die Klinik kam. Nach Auskunft von Gutachtern im Prozess hätte er zwischen 15 und 18 Kilo wiegen müssen. Die Angeklagte führte das vor Gericht auf die Magen-Darm-Erkrankung zurück, die in ihrer Familie grassierte. 

Doch Experten machten bei der Befragung durch Amtsrichter Ralf Fischer klar: So viel Gewicht können auch Kleinkinder nur verlieren, wenn sie nicht ausreichend zu Essen bekommen. Nach dem Tod des Zweijährigen informierte das Krankenhaus Polizei und Behörden. Das Jugendamt des Hochsauerlandkreises nahm die acht verbliebenen Kinder in Obhut. Die jüngste Tochter kam nach ihrer Genesung in eine Pflegefamilie, sie soll sich jetzt ganz normal entwickelt haben. Ihre Geschwister wurden in Jugendhilfe-Einrichtungen untergebracht. Mittlerweile leben die beiden ältesten Söhne auf eigenen Wunsch wieder bei ihrer Mutter. 

Doch auch während sich das Drama in dem Fachwerkhaus am Rande des Winterberger Ortsteils Elkeringhausen abspielte, war das Jugendamt vor Ort. Die Alleinerziehende war erst gut ein halbes Jahr zuvor aus Sachsen ins Sauerland gezogen. Das dortige Jugendamt hatte die Kollegen am neuen Wohnort auf die Gefährdung der Kinder hingewiesen. "Das Jugendamt aus dem Vogtlandkreis hat vorbildlich gearbeitet", sagte ein Gutachter, der sämtliche Akten ausgewertet hatte.

 Dem Jugendamt des Hochsauerlandkreises stellte der Sachverständige dagegen kein gutes Zeugnis aus: Zwar hatte eine Fachkraft des Kreisjugendamtes in Meschede die Familie mehrfach besucht. Doch nach bisherigen Erkenntnissen hatte sich die Sozialarbeiterin dabei aber lediglich um die Schulprobleme des ältesten Kindes gekümmert. Von der Unterernährung der kleinen Kinder will die Frau nach ihrer Aussage im Gericht nichts mitbekommen haben. 

Dabei, so der ehemalige Chefarzt der Kinderklinik, hätte auch einem Laien auffallen müssen, dass mit den beiden Kindern etwas nicht stimmt. Nach Abschluss des Verfahrens gegen die Mutter will die Staatsanwaltschaft deshalb prüfen, ob sich die Mitarbeiterin des Jugendamtes mitschuldig gemacht haben könnte. Am Dienstag wird aber zunächst ein Urteil im Prozess gegen die 38-Jährige erwartet. Möglicherweise wird der Amtsrichter das Verfahren aber auch an das Landgericht abgeben, weil sich im Verlauf der Beweisaufnahme Hinweise ergeben haben, dass die Frau trotz ihrer Überforderung die Gefahr für ihre Kinder erkannt haben muss. Ein Gutachter hatte die Frau als "voll schuldfähig" eingestuft: Sie habe gewusst, dass ihre Kinder Schaden nehmen, wenn sie nicht handele.

dpa

Quelle: wa.de

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