Machtkampf bei Tönnies

Generationen-Zwist unter Metzgern

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Clemens Tönnies (links) und sein Neffe Robert tragen diverse Streitigkeiten vor Gericht aus.

Hamm/Rheda-Wiedenbrück - Neffe gegen Onkel: Bei den Metzgern von Tönnies geht es um die Macht im Konzern. Jetzt sollen es die Gerichte richten. Die Gräben zwischen den beiden Familien sind tief.

Von Carsten Linnhoff 

Für Clemens Tönnies könnte alles so schön sein. Der FC Schalke 04 hat am Samstag Hoffenheim in der Bundesliga geschlagen, am Dienstag spielt der Verein in der Champions League bei den Königlichen von Real Madrid. Ein Festtag für jeden Fußball-Fan.

Tönnies ist Aufsichtsratschef bei dem Bundesligisten aus Gelsenkirchen. Aber der Fußball-Fan ist auch der Chef beim größten deutschen Fleischkonzern und ihm gehört die Hälfte des Unternehmens, das im vergangenen Jahr einen Umsatz von 5,6 Milliarden Euro verbuchte. Hier werden im großen Stil Schweine geschlachtet. Pro Jahr sind das rund 16 Millionen Tiere, über 8000 Menschen arbeiten für Tönnies, ein 1971 gegründetes Familienunternehmen.

Aber die heile - wenn auch raue - Welt unter Schlachtern ist bedroht. Seit Jahren werden auch juristisch die Messer gewetzt, ungeachtet des Aufstiegs zu einem Milliarden-Unternehmen.

Robert Tönnies (36), Neffe von Clemens (58) und Sohn des 1994 verstorbenen Firmengründers Bernd Tönnies, kämpft um die Macht im Unternehmen. Robert hält wie Clemens genau die Hälfte an dem Schlachtkonzern.

Die Söhne von Bernd haben die Anteile geerbt. Der eine, Clemens Junior, gab seine Beteiligung aus gesundheitlichen Gründen an Bruder Robert ab. Beide zusammen hatten vom Vater 60 Prozent geerbt, ihr Onkel Clemens war mit 40 Prozent in der schwächeren Position. Seit 2008 ist das allerdings anders.

Da gingen zehn Prozent von den Neffen an den Onkel über. Hintergrund war eine Zusage, um die jetzt erbittert gestritten wird: Firmengründer Bernd soll seinem Bruder auf dem Sterbebett versprochen haben, ihn bei den Anteilen gleichzustellen. Robert will diese Entscheidungen nun rückgängig machen. Er wirft seinem Onkel Clemens Undank vor und fühlt sich schlecht behandelt.

Nur wenig schriftlich festgehalten

Jetzt müssen sich Gericht mit dem Streit beschäftigen: Das Landgericht Bielefeld überprüft das Sterbebettversprechen, das Oberlandesgericht geht einem ebenfalls angegriffenen doppelten Stimmrecht von Firmenchef Clemens auf den Grund. Dabei stoßen die Richter immer wieder auf das gleiche Problem. Bei Tönnies wurde nur wenig schriftlich festgehalten.

"In unserer Branche gilt der Handschlag", sagte Clemens Tönnies noch im November vor Gericht nicht ohne Stolz.

Die Gerichte sehen das allerdings kritisch. In einer Urteilsbegründung in einem Verfahren um die Absetzung des Steuerberaters und ehemaligen Testamentsvollstreckers Josef Schnusenberg schreibt die 8. Kammer für Handelssachen am Landgericht Bielefeld: "Die Dokumentation relevanter Vorgänge in der Tönnies-Gruppe ist eher unterdurchschnittlich."

Das scheint noch untertrieben. In vielen Streitfragen gibt es schlicht keine schriftlichen Unterlagen. Eine schwierige Position für Robert, der als Kläger Beweise vorlegen muss. Was Robert antreibt, ist auch für Prozessbeobachter nur schwer zu erkennen.

Er profitiert als Gesellschafter vom Erfolg der Tönnies-Gruppe. Gleichzeitig fühlt er sich seit Jahren bei wichtigen Entscheidungen außen vorgelassen und übergangen. Kenner der zerstrittenen Familien-Zweige gehen von persönlichen Kränkungen und enttäuschten Hoffnungen aus.

Den Sprung ins Top-Management des Konzerns hat Robert nie geschafft. Clemens Tönnies gilt als Macher und entwickelt neue Ideen. Aus Darmschleim der Schweine gewinnt Tönnies jetzt den Blutgerinnungshemmer Heparin. So wird der Schlachter zum Zulieferer für die Pharmaindustrie. Da schaut die Politik gerne vorbei, wie im Februar Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD).

Ein Handschlag reicht kaum aus

Die Richter in den Verfahren appellieren immer wieder an die Streithähne, aufeinander zuzugehen - außerhalb des Gerichtssaals. Dazu scheint das Verhältnis von Onkel und Neffe aber zu sehr vergiftet. Einer müsste den ersten Schritt machen - kaum vorstellbar. Beide Familien plauderten - assistiert von Top-Juristen - die intimsten Details im Gerichtssaal über die jeweils andere Seite aus. Die Wunden sind tief. Ein Handschlag reicht da wohl nicht mehr.

dpa

Quelle: wa.de

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