Schwer in Fahrt / Forschungsergebnisse in Münster vorgestellt

Miese Bremsen und überladen: Bei Wohnmobilen reist das Unfallrisiko mit

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Armer Dummy: Eine Crashtest-Puppe liegt in Münster nach einem Crashtest mit einem Wohnmobil, das auf einen Pkw aufgefahren ist, in der Wohnkabine, während ein Mitarbeiter durch das Fenster schaut.

Münster - Unfälle mit Wohnmobilen sind zwar selten – dafür aber häufig besonders folgenschwer. Was genau passiert, wenn ein meist mehr als dreieinhalb Tonnen schweres Gefährt auf einen Pkw trifft, hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) in einem Projekt detailliert untersucht. Am Mittwoch stellten die Verantwortlichen die Ergebnisse vor – und ließen es auf einer Crash-Strecke in Münster krachen.

Bumm. Ein lauter, dumpfer Knall durchbricht die ländliche Idylle am östlichen Stadtrand von Münster. Es riecht nach verbranntem Gummi, etwas Qualm steigt auf. Dann herrscht wieder Stille. Auf der Anlage von Crashtest-Service (CTS) in Münster ist soeben ein Wohnmobil mit 70 Sachen auf einen Pkw aufgefahren. 

Das Ergebnis: Das Auto – ein Saab – wird etwa 25 Meter nach vorne katapultiert und ist nun einen knappen Meter kürzer. Im Wohnmobil sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Zerdepperte Tassen, volle Wasserflaschen, ein Flachbildschirm und die Kissen von den Sitzbänken bilden ein veritables Durcheinander. Geschirr, Getränke und Technik waren offenbar nicht gesichert. 

Ebenso wie der Familienhund(-Dummy). Der wurde bis in die Fahrerkabine gespült. Lebend wäre er bei einem solchen Unfall sicher nicht davon gekommen. Schwere Kopf- und Brustkorb-Verletzungen hätte der unangeschnallte Mitfahrer im Fond des Wohnmobils – und wäre damit noch gut bedient. Zumindest im Vergleich zu dem Fahrer des Saabs. 

„Denn die Unfallgegner sind in der Regel schwerer verletzt als die Verursacher. Das liegt schlicht an der Masse“, sagt UDV-Leiter Siegfried Brockmann. Ein kurzer Blick in das Innere des Pkw reicht, um das zu erkennen. Die Rückbank beginnt direkt hinter den vorderen Sitzen, der Kofferraum ist nicht mehr vorhanden. Die Rückenlehne des Fahrersitzes ist nach hinten gekippt, der Dummy hat eine ungesund erscheinende, halb liegende, halb sitzende Position eingenommen. Schwere Rückenverletzungen wären wahrscheinlich. 

Die Statistik betätigt, dass das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen Wohnmobil und Pkw beim Unfallgegner schwerwiegendere Folgen hat. Von den 2014 bei Wohnmobilunfällen Getöteten waren vier im Reisemobil selbst, elf in einem anderen Fahrzeug. Bei den Schwerverletzten lag das Verhältnis bei 44 zu 103. 

Unfall mit einem Wohnmobil: Unfallforscher haben die möglichen Folgen jetzt in Crashtests untersucht.

Hintergrund für die UDV-Untersuchung ist die kontinuierliche Zunahme der Neuzulassungen von Reisemobilen. Gleichzeitig fehlte aber Detailwissen über die Struktur von Unfällen mit diesen Fahrzeugen. Das wollte die UDV ändern. Dazu hat sie Statistiken ausgewertet, in Zusammenarbeit mit der Polizei Wohnmobilfahrer befragt sowie Elch- und – wie gestern – Crash-Tests mit einer realen Unfallkonstellation durchgeführt. 

Der Klassiker unter den Wohnmobilunfällen ist der Auffahrunfall. Einen Grund dafür sieht die UDV in den Bremsen der fahrenden Wohn- und Schlafzimmer. „Die Bremsleistung von Wohnmobilen ist unakzeptabel“, sagt Brockmann. 

Als Basisautos dienten den Wohnmobilanbietern in der Regel „Handwerkerfahrzeuge“, wie etwa der Fiat Ducato und der VW Transporter. Autos, bei denen die Bremsanlagen aus „Kostengründen optimiert“ und nicht originär für die schweren Aufbauten eines Wohnmobils gemacht wurden. Hinzu komme, dass Wohnmobile häufig überladen seien. „Im Schnitt müsste jedem zehnten Fahrzeug die Weiterfahrt untersagt werden.“ 

Viele Fahrer seien sich dessen nicht einmal bewusst. Ganz im Gegenteil: Vor Fahrtantritt machten sie ihre Wassertanks randvoll und verschenken so eine einfache Möglichkeit des „Abspeckens“. 

Das zulässige Gesamtgewicht von in der Regel 3,5 Tonnen ist schnell erreicht. Und auch wenn es sich eigentlich längst herumgesprochen haben sollte: Bei Fahrtantritt müssen alle Gegenstände sicher verstaut sein. Keine Wasserflaschen, keine gerade noch abgespülten Kaffeebecher und auch kein Haustier darf ungesichert sein. Für Hund und Katze könnte es sonst unter Umständen die letzte Reise sein.

Von Sandra Oelschläger

Wohnmobile in Deutschland: Fakten kompakt

- Seit der Finanzkrise ist die Zahl der in Deutschland zugelassenen Wohnmobile deutlich gestiegen. Für 2015 ermittelte das Kraftfahrt-Bundesamt 28.348 Neuzulassungen, ein Plus von gut zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit liegt Deutschland vor Frankreich (17.400) und Großbritannien (10.550) europaweit an der Spitze. 

- An der Spitze der Neuzulassungen in Deutschland liegt Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern und Baden-Württemberg. Mehr als die Hälfte der erfassten Reisemobile sind in diesen drei Bundesländern gemeldet. 

- Anfang 2015 gab es nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes in Deutschland mehr als 392 000 registrierte Wohnmobile. 

- Unter den in Deutschland verbreiteten Fabrikaten liegt der italienische Autobauer Fiat mit mehr als 180 000 verkauften Wohnmobilen an der Spitze (Stand Januar 2015). Es folgen VW mit gut 85 700 und Daimler mit fast 38 600. - dpa

Quelle: wa.de

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