Misswahl und "Ü100-Party" - Werden Mollige noch diskriminiert?

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Der Modedesigner Harald Glööckler (r) bekam am Mittwoch, 19. August 2015, von Melanie Hauptmanns, Veranstalterin von "Fräulein Kurvig", den Preis "Gläserne Kurve" überreicht. Glööckler bekam den Preis, weil er auch für mollige Frauen Mode entwirft.

Oberhausen/Bochum - Ein nicht ganz alltäglicher Schönheitswettbewerb geht an diesem Samstag in Oberhausen über die Bühne: Die Wahl der "Fräulein Kurvig" steht an.

Einzige Teilnahmebedingung: Die Kandidatinnen müssen eine Kleidergröße von mindestens 42 haben.

Im vergangenen Jahr suchte Veranstalterin Melanie Hauptmanns zum ersten Mal eine "Miss Kurvig". Sie habe zeigen wollen, dass mollige Frauen schön sind, auch wenn sie nicht den gesellschaftlichen Traummaßen entsprächen, sagt sie.

Das Interesse scheint zumindest da zu sein: In diesem Jahr haben sich laut Hauptmanns 1200 Frauen beworben. 50 kamen in die Vorauswahl, ein Dutzend tritt jetzt in der Endrunde gegeneinander an.

Die Gesellschaft sei auf einem guten Weg, mollige Menschen zu akzeptieren, meint Hauptmanns. Keineswegs, heißt es dazu im Adipositas-Zentrum Nordrhein-Westfalen. "Dicke Menschen sind nach wie vor die, die in unserer Gesellschaft am meisten diskriminiert werden", sagt der psychologische Leiter der Einrichtung, Uwe Machleit.

Aufbau einer Parallelgesellschaft

Vor allem treffe es die Frauen, die zu viel Gewicht auf die Waage brächten: "Es gibt stattliche Männer, aber dicke Frauen. Helmut Kohl ist stattlich gewesen, nicht dick. So wurde es formuliert." Spezielle Events für Übergewichtige würden nicht von allen Frauen auf dieselbe Weise aufgenommen: Viele Betroffene zögen sich zurück in eine Art "innere Immigration" ohne Kontakt zu anderen, sagt Machleit.

Andere sähen derartige Aktionen als "geschlossene Veranstaltungen für Gehandicapte", während eine dritte Gruppe sich wie in einer geschützten Gruppe sehe, in der sie gemeinsam Dinge tun könne, die sie sich sonst nicht zutraue.

Zu kleine Sitze, zu schwache Waagen, zu schmale Tragen

In den Adipositas-Zentren in Bochum, Castrop-Rauxel, Hattingen und Herne werden meist Übergewichtige ab einem Body-Maß-Index (BMI) von 30 oder mehr behandelt. In Therapiestunden sprechen sie über Diskriminierung, den Alltag und die Gesellschaft, die es adipösen Menschen schwer macht, sich per se schon nicht ausgegrenzt zu fühlen: zu kleine Sitze im Flugzeug, Waagen, die nur bis 180 Kilo geeicht sind, oder Tragen in Krankenwagen, die zu schmal sind.

Gesellschaftliches Problem im ganzen Land

"Es wundert mich nicht, dass sie sich extra Orte suchen, an denen sie unter sich sind. Sie bilden fast eine Parallelgesellschaft", erklärt Machnig. Gewicht, ob zu viel oder zu wenig, ist ein gesellschaftliches Problem im ganzen Land.

Jeder vierte Deutsche ist übergewichtig, in Nordrhein-Westfalen ist es laut Statistischem Landesamt sogar jeder zweite. Richtwert hierbei: die Weltgesundheitsorganisation. Sie legt fest, dass Frauen und Männer ab einem BMI von 25 als übergewichtig gelten.

"Ü100-Partys" für mollige Menschen

Ferdinand Trindade, Veranstalter von "Ü100-Partys", kennt sich aus in der "Parallelgesellschaft". Er organisiert seit Jahren deutschlandweit monatliche Partys für mollige Menschen.

Oberste Regel: Es soll alles getan werden, damit sich die Gäste wohlfühlen. Und dass die Party an ihre Bedürfnisse angepasst ist.

Traubenzucker für Diabetiker und ärztliche Betreuung

"Die ersten vier Jahre habe ich keine Party ohne ärztliche Begleitung veranstaltet", sagt Trindade. Traubenzucker für Diabetiker, Wasser und Säfte ohne Säure für Menschen mit einer Magenband-Operation, kein Stroboskoplicht wegen möglicher Epilepsieanfälle, Parkplätze in der Nähe - diese Voraussetzungen seien ein Muss auf jeder "Ü100-Party".

Neues Selbstbewusstsein für gewichtige Frauen

Für Melanie Hauptmanns gewinnt vor allem die Gruppe der gewichtigen Frauen derzeit ein neues Selbstbewusstsein. Nicht umsonst hätten sich so viele Frauen bei der Misswahl beworben.

Doch der Weg zur positiven Selbstwahrnehmung sei mitunter nicht leicht, gibt sie zu. Auch Machleit hat festgestellt, dass sich das Selbstbewusstsein vieler seiner Patienten hebt - zumindest erzählten sie es so.

Er glaube aber auch, dass viele ihr Selbstbewusstsein nach außen hin größer darstellen als es ist. Denn: Sich abzuschotten sei keine Lösung. Im schlimmsten Fall resignierten sie vor der Gesellschaft, sagt der Psychologe. "Wer wirklich Selbstbewusstsein hat, muss nicht zu speziellen Events gehen."

Party-Veranstalter Trindade sieht das anders. "Diese Events muss es noch so lange geben, bis sich die übrige Gesellschaft toleranter gegenüber dicken Menschen zeigt." - lnw

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Quelle: wa.de

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